Haigergrund

Main-Tauber-Kreis, Gemeinde und

Gemarkung Königheim

Fläche: 59,4 Hektar

Verordnung vom 18.10.1994, alte Verordnung

vom 09.07.1990 (59,4 Hektar)

TK 25: Blatt 6323

Nur wenige Kilometer westlich von Tauberbischofsheim, wo die Naturräume Tauberland und Bauland aneinandergrenzen, liegt der Ort Königheim. Das Naturschutzgebiet »Haigergrund« erstreckt sich entlang des gleichnamigen Tals im Nordwesten der Ortschaft. Seine steilen Hanglagen sind größtenteils nach Südwesten ausgerichtet. Die Kargheit der Böden ist am schütteren Bewuchs, der das Muschelkalkgestein durchscheinen lässt, schon von weitem zu erkennen. Die andere Talseite ist flacher ausgebildet und wird, wie der Talgrund, von Feldern und Wiesen eingenommen. Auf den Kuppen der Talflanken schließen sich Wälder und Ackerflächen an. Das Naturschutzgebiet wird durch Taleinschnitte in drei Teile gegliedert zum Talende hin der Buschberg, davor der Teufelsberg und ortsnah die Lange Helle.

Das Nutzungsmosaik des Tälchens spiegelt die Verhältnisse der Geologie und der Geländeeigenschaften wider. Der Haigergrund ist fast 80 Meter tief in die »Fränkische Muschelkalkplatte« eingekerbt. Der Steilhang des Naturschutzgebiets liegt im Unteren Muschelkalk. Stellenweise deutlich sichtbar wird dieser am Oberhang vom felsigen Band der Schaumkalkbänke durchzogen. Zur Verebnung der Hochfläche hin schließt sich der Mittlere Muschelkalk an. Die Steilheit der Talflanke und die durch die Südwestexposition bedingte Hitze und Bodentrockenheit sind der Grund dafür, dass diese Lagen niemals intensiv landwirtschaftlich bewirtschaftet werden konnten. Durch die Bodenbearbeitung im Weinbau früherer Zeiten wurde der wenige Oberboden nach und nach abgeschwemmt, so dass heute der steinige Untergrund zu Tage tritt. Anders sind die Verhältnisse am Gegenhang: Er ist nach Nordosten geneigt und weniger der austrocknenden Sonne ausgesetzt. Er ist flacher, also weniger erosionsgefährdet, und konnte bis heute seine Bodendecke erhalten. Dadurch ist er weiterhin landwirtschaftlich nutzbar. Die Kuppen im Mittleren Muschelkalk eignen sich als Waldstandorte und, besonders wenn sie eine Lössauflage tragen, auch sehr gut zur Ackernutzung.

Der wesentliche Schutzzweck des Naturschutzgebiets besteht in der Erha1tung der floristisch und faunistisch, einmaligen Kombination von Lebensräumen, vor allem, der kleinräumigen Verzahnung von Trockenrasen, Halbtrockenrasen, Obstbaumwiesen und Hecken. Überdies ist der lang gestreckte Talzug mit den früheren Weinberghängen ein landschaftsprägendes Element der tauberfränkischen Muschelkalkplatte und ein hervorragendes kulturhistorisches Zeugnis.

Die steilen, nach Süd bis Südwest geneigten Hanglagen im »Haigergrund« haben eine charakteristische Nutzungsgeschichte: Im Mittelalter begann die Weinbaunutzung, die sich bis Anfang des 20. Jahrhunderts hielt. Nach den großen Schädlingskatastrophen fielen die Oberhänge brach oder wurden von Wanderschäfern als allerdings nicht sehr ergiebige Weide genutzt. An den flacheren Unterhängen wurden Obstbäume gepflanzt. Einzelne Parzellen forsteten die Eigentümer mit Wald- oder Schwarz-Kiefern auf. An weniger steilen Abschnitten wurde auch die Weinbergnutzung wieder aufgenommen. Mit dem allgemeinen Rückgang der Landwirtschaft ist das Interesse an den schlechtwüchsigen Hanglagen rapide zurückgegangen, und die Hänge fielen überwiegend brach.

Heute finden wir ein Mosaik verschiedener Biotoptypen, das sich durch die ehemalige Nutzung und durch die Lage am Hang in eine bestimmte Abfolge gliedern lässt: Auf der Kuppe stocken Waldlabkraut-Eichen-Hainbuchen-Wälder, die früher als Nieder- und Mittelwald bewirtschaftet wurden. Auch Eichen- sowie Kiefern-Laubholz-Mischbestände sind eingestreut. Vor dem Waldrand schließt sich der Wärme liebende Diptamsaum mit seinen bunt blühenden Stauden an. Zur Hangkante hin, wo das Gelände noch nicht zu stark geneigt ist, folgt ein Halbtrockenrasen mit Übergängen zu den echten Trockenrasen (Goldaster-Erdseggen-Gesellschaft) an den flachgründigeren Stellen im Bereich der Schaumkalkbank. Hier finden sich auch stellenweise die Wimperperlgras-Flur und die Bunte Erdflechten-Gesellschaft. Die steilen Abschnitte unterhalb der Hangkante werden von der Blaugras-Halde eingenommen, die die extremen Verhältnisse auf den nachrutschenden Scherbenböden erträgt. Die flacheren Unterhänge tragen artenreiche Salbei-Glatthafer-Wiesen, teils mit Obstbäumen bestanden. Einige Parzellen am Hang zeugen mit noch vorhandenen Weinstöcken von der früheren Nutzung. Auch kleinere Kiefernaufforstungen sind hie und da in den Hang eingestreut. Hecken säumen das Naturschutzgebiet vor allem randlich. In den beiden Seitentälchen findet noch eine Ackernutzung statt.

Durch die jahrhundertealte, extensive Nutzung, die das Gebiet immer licht und offen gehalten hat, konnte sich eine Pflanzenwelt ansiedeln und erhalten, die unter diesen extremen warm-trockenen Bedingungen gedeihen kann. Darunter befinden sich viele Arten, die bei uns sehr selten sind und ihren Verbreitungsschwerpunkt im Mittelmeerraum oder in den osteuropäischen Steppengebieten haben. Als Beispiele seien der Diptam, die Berg-Kronwicke, der Raue Alant, das Sonnenröschen, die Ästige Graslilie und das Wimper-Perlgras sowie verschiedene Ragwurz-Arten genannt. Insgesamt wurden im Naturschutzgebiet »Haigergrund« 348 Pflanzenarten erfasst, davon 31 Arten der Roten Liste. Auch die Insektenfauna ist außerordentlich vielfältig. So wurden zum Beispiel 360 Schmetterlingsarten und 22 Heuschreckenarten nachgewiesen. Zu den Besonderheifen der Trockenhänge gehören der Segelfalter, diie Rotflügelige Ödlandschrecke und der Langfühler-Schmetterlingshaft aus der Netzflügler-Familie.

Hinweise für Besucher: Um zum Naturschutzgebiet »Haigergrund« zu gelangen, fährt man von Königheim (westlich von Tauberbischofsheim an der Bundesstraße 27) die Ortsverbindungsstraße Richtung Külsheim. Diese führt entlang des gesamten Naturschutzgebietes. Der Einstieg ins Naturschutzgebiet ist auf halber Höhe im Wald (der erste breite Schotterweg, dort Schild »Birkig«). Von hier aus führen Hinweisschilder zum Rundweg am Buschberg. Der schmale Pfad verläuft entlang der Hangkante und durch den Wald zurück. Das Verlassen der Wege ist zum Schutz der empfindlichen Flora nicht gestattet.

Die schleichende Ausbreitung von Gebüschen, wie Schlehe und Hartriegel, stellt eine Gefahr dar: Überdecken sie große Flächen, so entstehen einheitliche, schattige Bedingungen. unter denen die Artenvielfalt stark zurückgeht. Seit 1994 wurden deshalb im Rahmen des Modellprojekts »Pflege der Trockenhänge im Taubertal« umfangreiche Entbuschungsmaßnahmen durchgeführt, um den offenen Zustand zu erhalten bzw. zusammenhängende offene Bereiche wiederherzustellen und damit die Lebensräume gefährdeter Tiere und Pflanzen der Trockenstandorte zu verbessern. Der 2000 gegründete Landschaftspflegeverband Main-Tauber e.V. führt die Pflegearbeiten in diesem Sinn fort.

Das größte Problem für den Naturschutz sind momentan die vielen Trampelpfade, die Besucher verursachen, um zu besonders schönen Pflanzenexemplaren vorzudringen - namentlich während der Orchideenblüte. Dabei sind gerade die Orchideen mit ihrem oberflächennahen Feinwurzelwerk extrem empfindlich gegen Bodenverdichtung. Um die Trittschäden in Griff zu bekommen. wurde im Frühjahr 2000 am Buschberg ein beschilderter Rundweg angelegt, von dem aus alle Arten zu sehen und zu fotografieren sind. Vereinzelt waren auch Einzäunungen gefährdeter Standorte unumgänglich.

Helga Bohmeyer

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