Information über den Nationalpark der Cevennen

- Parc National des Cevennes -



Von allen französischen Nationalparks ist das Biosphärenreservat "Parc National des Cevennes" der einzige Nationalpark, der im Mittelgebirge gelegen ist. Sein Schutzziel als Biosphärenreservat ist außerdem die Erhaltung der Kulturlandschaft und der ländlichen Bevölkerung, die Bewahrung des kulturellen Erbes im Einklang mit der Natur. Auch dies ist eine Besonderheit, es geht nicht um die Erzielung oder die Erhaltung von Wildnis wie in anderen Nationalparks.

Diese Besonderheiten unterscheiden ihn von den Schutzzielen anderer französischer Nationalparke.

Wissenschaftliche Zielsetzungen sind: Die Bedingungen für eine nachhaltige Entwicklung zu erforschen, die Förderung des Schutzes für das Nationale Erbe, die Respektion des biosozialen Gleichgewichtes und die Förderung der landwirtschaftlichen Viehhaltung (Beweidung) wegen der Notwendigkeit, die vom Menschen verursachte Biodiversität und die von ihm gestaltete Landschaft zu erhalten, zu pflegen und weiterzuentwickeln.

Der Nationalpark gehört heute zu den wenigen europäischen Regionen, in denen seit 30 Jahren intensive und fortlaufende biologische sowie sozioökonomische Untersuchungen mit Erfolgskontrolle (Monitoring) laufen.
 
 

Eigentümlichkeiten des Nationalparks:

Die Gesamtfläche des Nationalparks beträgt 3 210 km2, davon:

Kernzone: 91 279 ha (923 km2), davon 81 % im Lozère, 19 % im Gard, berührt sind 52 Gemeinden, darunter 117 Weiler und Bauernhöfe (hameaux et mas) mit ca. 600 (591) permanenten Einwohnern. Diese Kernzone umfaßt 3 % Parkbesitz; 7 % sind Staatseigentum (terrains sectionnaux), 33 % Gemeindebesitz, 60 % Privateigentum. Strenge Schutzbestimmungen werden hier angewendet. Eine Centurie von landwirtschaftlichen Betrieben bearbeitet dort das offene Land (37 %), der Rest ist mit Wald bedeckt, davon rund 45 % Privatwald.

Rand- und Entwicklungszone (Zone périphérique): 229 726 ha (= 2 297 km2) (54 % in Lozère, 36 % in Gard, 10 % im Dep. Ardèche) umfassen 117 Kommunen mit rund 4 000 Weilern und insgesamt 41 000 Einwohnern. Strenge Schutzbestimmungen bestehen hier nicht, aber der Park entwickelt ein Programm zur spezifischen Förderung des sozialen und ökonomischen Lebens sowie zur begleitenden Unterstützung der Schutzbestrebungen in der Kernzone.

Höhenlage: Die größte Höhe, 1 699 m ist der Mont Lozère; der niedrigste Punkt von insgesamt 378 m bei Sainte-Croix-Vallée-Francaise; das liegt am unteren Ende des Tales, welches vom Col de Solpérière zum Gardon de Mialet führt. Die mittlere Höhe des Parks liegt in der Kernzone bei 1 100 m in der Entwicklungszone bei 650 m.
 
 

Die geografischen Regionen:

Causse Méjean, ein Kalkplateau (Oberer Jura/Malm) und mit den Causses Sauweterre, Noir und Larzac zu den Grands Causses gehörend. Schafhaltung (Milch und Fleisch) ist hier vorherrschend und landschaftsgestaltend (Höhenlage 1 000 bis 1 247 m, Größe 330 km2).

Mont Lozère, Granitmassiv, höchster Punkt 1 699 m. Wegen der Höhenlage nur Wanderschäferei (transhumance owin j Schaf-Almauftrieb), aber auch Qualitäts-Rinderzucht, im Winter mit Stallhaltung.

Montagne du Bougès, ein Granitmassiv und gegen Norden Wald auf Juraschiefer (Lias).

Täler des Gardon im Schiefer, das Valleé Francaise bei Sainte-Croix und das Vallée bei St.-Jean. Hier herrscht Ziegenhaltung/Schafhaltung und Bienenhaltung vor sowie auf den Silikatböden die Ernte in den Kastanienwäldern (ca. 200 verschiedene Kultursorten der Esskastanie).

Mont Aigoual und Lingas, vorkarbonische Schiefer (Phyllithe) und Granit; höchster Punkt 1 565 m, Fichten-, Tannen- und Buchenwälder; forstliche Nutzung; Wanderschäferei und Viehhaltung (Rinder-Almauftrieb). Seit Beginn des Jahrhunderts gibt es vielfältige Aktivitäten und forstwissenschaftliche Versuche zur Wiederbewaldung. Bäume aus aller Herren Länder wurden hier getestet. Im "Arboretum de la Foux" sind 50jährige Douglasien kanadischer Herkunft inzwischen fast 60 Meter hoch.
 
 

Die Flüsse:

Zum Atlantik fließen Lot, Tarn, Mimente, Tarnon, Dourbie, Trévezel, Jonte.

Zum Mittelmeer fließen Gardon, Cèze und Hérault.

Die hochbogigen Brücken und die oft überdimensional hohen Ufermauern in den Siedlungen, geben untrügliche Hinweise auf die Wassermassen, die in wenigen Minuten selbst das im Sommer oft trockene Flußbett füllen können.
 
 

Geologie:

Im Norden (Aubrac) und im Süden (l'Escandorgue) gibt es tertiären Vulkanismus, der von Norden her aus der Auvergne bis an den Nationalpark heranreicht.

Die Hochflächen der Grands Causses sind durch Oberen Jura (Malm) (Sauverterre, Méjean, Larzac-Süd, Blandas), durch Mitteleren Jura (Dogger) (Séverac, Noir, Larzac-Nord) geprägt. In den Randbereichen herrscht der fossilienreiche untere (schwarze) Jura (Lias) vor. Näheres siehe dazu die Karte zur Geologie.

Besonders in den kalziumkarbonathaltigen Sedimentgesteinen des Malm hat das säurehaltige Niederschlagswasser und H2CO3-haltige Bodenwasser (erheblich säurehaltig durch die Atmungsaktivität der Bodenorganismen und durch Huminsäuren) im Laufe der Jahrmillionen gewaltige Kavernen als Höhlen, Grotten und für unterirdische Flußläufe geschaffen sowie im Sediment von Anfang an bestehende Kavernen aufgeweitet. In den Kavernen sorgt andererseits die Entgasung für die Umwandlung des gelösten Kalziumbikarbonats in Kalziumkarbonat. Die hängenden Tropfen bilden Stalagtiten und "Makkaronis", die fallenden Tropfen Stalagmiten. An den Wänden herablaufendes Bodenwasser läßt Sinterbildungen wie "Medusen", "Gardinen" usw. entstehen. Bedeutende Höhlen, auch vorgeschichtlich bedeutsame, zeugen davon. Die wichtigsten sind der Aven Armand (erst 1897 entdeckt und 1992 erschlossen). Er ist die größte Hallenhöhle Europas mit über 400 Stalagmiten, der größte 30 m hoch, es paßt ein Fußballfeld oder die Kathedrale Notre Dame von Paris in diese Halle. Beachtlich ist auch die Tropfsteinhöhle "La Grotte Rose de Dargilan". Sie zählt bei einer beachtlichen Größe (viele Hallen, 1,2 km publikumsoffener, begehbarer Parcour und eine Außengallerie zum Gorges de la Jonte), wegen ihrer Ausstattung mit Stalagmiten, Medusen, Gardinen, Stalagtiten usw. zu den schönsten Höhlen Europas. Auch der unterirdische Fluß "Abîme de Bramabiau" ist hier aufzuführen. Die Abîme enthält viele vorgeschichtliche Spuren, die ca. viereinhalb Jahtausende alt, jedoch nicht öffentlich zugänglich sind.

Die weitgehend entwaldeten Landoberflächen der Causses sind verkarstet. Es gibt überall Einbruchsschächte (Gouffres) zu unterirdischen Hohlräumen und oberflächlich Dolinen. In den Dolinen, die sich als Einsenkungen der Landoberfläche präsentieren, hat sich die abgeschwemmte Feinerde gesammelt. Sie bilden äußerst fruchtbare Ackerflächen, allerdings oft kleinflächig, und sie sind stets disjungktiert.

Tektonische Verwerfungen haben im Zuge der herzynischen (alpinen) Gebirgsbildungen die Grundlage für das System der Fließgewässer oberirdisch aber auch unterirdisch geschafften, wobei das saure, kohlensäurehaltige Wasser außer der mechanischen vor allem chemische Erosion verursachte. Hierdurch entstanden auch die bizarren Felsenmeere "Chaos Montpellier-le-Vieux" und "Chaos Nîmes-le-Vieux", die der Dolomitisierung des Jurakalkes (Herauslösen und Diagenese des kohlensauren Kalks zum widerständigen Dolomit) (Magnesiumkalk) ihre heutige Ausprägung verdanken. Es sind ähnliche Vorgänge wie in den Dolomiten oder in Mitteleuropa z.B. bei den Zwölf Aposteln im Altmühltal.

Die großen Höhen (Mont Lozère und Aigoual sind geologisch wesentlich älter als die Jurasedimente und die Vulkanite. Sie reichen in die vorkarbonische Zeit zurück. Hauptbestandteil sind Granite und vorkarbonische Schiefer (Phyllithe). Daher sind die Talbildungen hier wesentlich sanfter. Das Wasser fließt nur oberflächlich ab. Gorges entstehen erst, sobald die Flüsse die Jurasedimente erreichen. Der Aigoual ist gleichzeitig eine wichtige Wasserscheide zwischen Atlantik (der Tarn und seine Zuflüsse) und dem Mittelmeer (der Herault und der Gardon).

Die Böden sind hier silikatisch, daher Kastanienwälder und Maulbeerbäume.

Die Höhlen, Grotten, Schächte, Flußversinkungen (Pertes), die unterirdischen Flußläufe und die steil eingeschnittenen Fließgewässer haben sich zu einem unschätzbaren landschaftlichen Kapital entwickelt.

Die touristische Erschließung all dieser geologischen Erscheinungen hat ökonomische Entwicklungen eingeleitet, die den wirtschaftlichen Impakt vergangener Jahrzehnte auffangen. Von der Geologie profitieren auch der Kanusport, das Wandern und in gewisser Weise auch der Wintersport in den Höhenlagen.
 
 

Das Klima:

Das Klima ist vielgestaltig! Es reicht vom Klima der Mediterraneis ("Grüne Winter - braune Sommer") mit einer ausgesprochen sommerlichen Trockenheit bis zu sehr kaltem und feuchtem Klima (mehr als 50 Frosttage pro Jahr, wie insbesondere auf den Höhen des Mont Lozère und Mont Aigoual). Die Einflüsse von drei Großklimabereichen treffen hier im Nationalpark zusammen: das ozeanische Klima, das mediterrane Klima und das kontinentale Klima.

Auf den Höhen kann das Klima sogar als alpin-kontinental bezeichnet werden. Auf dem Mont Aigoual fallen jährlich 2 500 mm Nierderschlag, auf dem Causse Noir 1 000 mm, auf dem Causse Méjean 700 bis 900 mm. Ein bedeutsamer Faktor auf den Hochflächen der Grands Causses ist der ständige austrocknende und Verdunstungskälte bringende Wind mit Frostschnitt der Vegetation.

Entsprechend der Vielgestaltigkeit des Klimas sind Fauna und Flora mit Repräsentanten aus den Zuzugsgebieten der drei Klimaregionen bzw. den entsprechenden geographischen Regionen in den Cevennen vertreten. Das Gebiet ist daher geobotanisch europaweit hoch bedeutsam. Hier hat übrigens BRAUN-BLANQUET 1915 seine Dissertation gefertigt.

Die Europäische Union (EU) rechnet im Rahmen ihres Programms "Natura 2000" die gesamten Cevennen und die Grands Causses allerdings zur kontinentalen Region Europas!
 
 

Die Fauna:

Besonders die Kernzonen des Nationalparks bilden ein Refugium für viele Wirbellose, vor allem für Insekten.

Der Rückgang der kultivierten Bereiche und die Ausdehnung von Steppen, Heiden und Wäldern hat für die Rückkehr von Arten neue Bedingungen geschaffen. In den letzten Jahren sind daher zahlreiche Arten selbständig wiedergekehrt und haben sich ausgebreitet, z.B. der Schwarzspecht, der Rauhfußkauz, der Schmutzgeier, der Otter, der Graureiher usw.

Darüber hinaus wurden im Nationalpark der Cevennen der Rothirsch, das Reh, das Muffelwild, der Biber, der Gänsegeier und der Mönchsgeier sowie das Auerwildmit Erfolg wiedereingeführt. Beim Gänsegeier: 1985 wurden fünf Paare wiedereingebürgert, 1999 zählte die Geier-Kolonie bei le Truel bereits 180 Paare. Die Population ist stabil nachdem die "amtliche Tierkörperbeseitigung" auf den Grands Causses Kadaver für die Geier sammeln läßt.

Man zählt heute 89 Säugetierarten, 208 Brutvögel, 17 Reptilien und 18 Amphibien sowie 24 Fische. Die vom Nationalpark angegebenen Zahlen schwanken. Ältere Angaben, nämlich 60 Säugetierarten, 175 Brutvögel, 23 Reptilien und Amphibien, 13 Fische, erscheinen wohl realistischer. Fledermäuse und Greifvögel sind bereichsweise besonders gut repräsentiert.

Zur Ergänzung, insbesondere zur Vogelwelt: siehe die beiden Anlagen zur Fauna der Cevennen.
 
 

Die Flora:

Das Inventar der Vegetation ist sehr kontrastreich. In den subalpinen Rasen am Mont Lozère und Mont Aigoual herrschen einige typische nordische und alpine Arten vor, in den sehr heißen Felsabbrüchen der mediterranen Täler gibt es hingegen ein subtropikales Milieu, in Anduze sogar einen Bambus-Wald.

Den Süden des Nationalparks beherrschen teilweise Assoziationen, die an die immergrünen Eichen, die Flaumeiche, die Kastanie, und an natürliche Buchen-/Tannenwälder gebunden sind.

Zur Ergänzung: siehe Anlage zur Flora der Cevennen.
 
 

Geschichte

In den Höhlen gibt es älteste Dokumente der auf fünf Jahrtausende zurückgehenden Besiedlung, die sich später aus dem Neolithikum (insbesondere der Kupfersteinzeit, der sog. "Fontbouisse-Kultur") vor ca. 3 500 Jahren verdichten.

Weltweit bedeutsame Fundstätten sind die Grablegungen, Fußspuren, rituellen Dokumente in der Abîme-de-Bramabiau, die allerdings wegen der Empfindlichkeit (z.B. Fußabdrücke im Höhlenlehm) für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sind.

Auf den Causses (Mèjean, Sauveterre, Noir) sind zahlreiche Menhire (Hinkelsteine) aus Aigoualgranit und die vielen Dolmen hervorzuheben. Verbindungen zur Bretagne liegen offen: Es gibt sogar ein Dorf mit dem Namen Carnac!

Die Dolmen sind die Reste von Steinplatten-Gräbern. Der über dem Grab errichtet gewesene Erdhügel (Tumulus) ist durch die Erosion beseitigt, so daß nur noch die eigentliche Steinplatten-Grabkammer und evtl. der zuführende Gang erhalten blieb (siehe Abb.).

Das Ende dieser Kultur war die Zerstörung der Lebensgrundlage auf den Grands Causses. Die Entwaldung (Holznutzung, Brandrodung, Ackerbau und Weidewirtschaft) hat zu einer totalen Erosion des im Jura-Gebiet besonders erosionsgefährdeten Bodens geführt. Die letzten Versuche, in erosionsgefährdeten Bereichen die Ackerflur zu erhalten, dokumentieren die noch heute vorhandenen, dicht gesäten Lesesteinhaufen und Lesesteinwälle. Übrig blieben als Ackerland auf den Grands Causses nur die Dolinen mit ihrer Feinerde.

In geschichtlicher Zeit zeugen keltoromanische bzw. galloromanische Dokumente von der römischen Herrschaft über das spätere Reich der Treverer (Vercingetorix). Ortsnamen, wie Trèves (12 km südlich Meyrueis) oder St. Laurant-de-Trèves und selbst das aus dem Mont Aigoual kommende später versiegende Flüßchen Le Trévezel deuten auf diese historischen Zusammenhänge hin. Das verhältnismäßig gut erhaltene Mausoleum des Lucius Pompinus Bassulus in Lanuéjols (Lozère) ist eines der vielzitierten Zeugnisse für diese Epoche.

Der gallorömischen Zeit bereiteten die Alemannen im 7 Jahrhundert ein Ende. Es gibt hierzu einen sehr interessanten "Chemin mérovingien" in Lozère.

Auch Später trat das Gebiet des Nationalparks in der Geschichte öfter hervor.

Die Cevenoisen waren stets selbstbewußt und nicht obrigkeitshörig.

Die Ritter des letzten Kreuzzugs 1209 des Papstes Inozens des III. hatten bei den Katharern, einer reformierten Glaubensbewegung, die bis in die Cevennen ausstrahlte, die aber den Papst in Rom nicht anerkannte und ihn als irdischen Vertreter des Teufels titulierte, die Bevölkerung auf grausamste Weise fast ausgerottet.

Danach folgte eine neue bescheidene Landnahme und ein kleiner (Land-)wirtschaftlicher Aufschwung, der wiederum in eine eigenständige Isolation und in den Religionskriegen mit der Vernichtung der protestantischen Kamisarden (1702/1704) endete.

Schließlich gehört zu diesem Thema auch, daß die Resistance im 2. Weltkrieg hier in der unzugänglichen Berg- und Höhlenwelt der Cevennen ihre unentbehrlichen Stützpunkte gegen die Vichy-Regierung fand.
 
 

Le Patrimoine, das heimatliche Erbe

Das heimatliche Erbe (le Patrimoine) beinhaltet das Naturerbe und das kulturelle Erbe zugleich. Der Begriff umfasst ein modernes weltweit von der UNESCO übernommenes Programm zum Schutz und zur Erhaltung der Natur und der Kulturgüter.

In den Cevennen und auf den Causses hat der Mensch seit mindestens 5 000 Jahren die Natur gestaltet/umgestaltet. Er hat sie aber in der Anpassung an seine eigenen Bedürfnisse mit den vielen Folgen unbedachter Nebenwirkungen seines Handelns auch missgestaltet.

Entsprechend der geologischen Grundlage der Gesteine haben sich in dieser Zeit zusammen mit den Anforderungen des Klimas drei verschiedene Landschaften und drei verschiedene Kulturen/Zivilisationen entwickelt. Unterschiedliche Wirtschaftsweisen, unterschiedliche Siedlungsformen und unterschiedliche Lebensstile sind die Folge. Man muss davon ausgehen, dass außer auf den höchsten Höhen auf dem Mont Lozère und dem Mont Aigoual das Land einmal dicht bewaldet war, teilweise wohl auch die Steilwände der Täler.

Auf den entwaldeten Jurakalk-Plateaus gab es zunächst eine blühende Landwirtschaft, wenigstens, solange die Bodenkrume noch vorhanden war. Das vom Wald entblößte Land gab jedoch der Erosion freien Lauf, so dass auf den Grands Causses eine steppenartige Vegetation entstand, die sich allerdings gegenüber der ähnlich entstandenen Garrigue im Süden des Landes wesentlich unterscheidet. Die gehäuften Dolmen, die vielen Menhire und die allenthalben in der Landschaft sichtbaren Lesesteinhaufen, die sicherlich in der Endphase dieser Außeinandersetzung mit einer sich gefährlich wandelnden Umwelt entstanden, zeugen von einer wesentlich dichteren Besiedlung als heute. Die neue Identität der landwirtschaftlichen Nutzung ist, abgesehen von geringfügigem Ackerbau in den Dolinen, heute zwangsweise die Schafhaltung.

Die Milchschafe der Grand Causses liefern die Grundlage für einen der berühmtesten europäischen Käsesorten, den Roquefort, der in den Höhlen von Roquefort-sur-Soulzon reift. Die großen Herden werden maschinell gemolken und die Schafsmilch wird heute in großen Tankzügen gesammelt und regelmäßig zu den beiden großen Käsereien in Roquefort ("Sociétée" und "Papillon") gefahren.

Die Beweidung verhindert natürlich die selbständige Wiederbewaldung. Zeugnisse für die Beweidung sind Pflanzen, die von den Schafen gemieden werden, wie Affodill-Lilie, Buchsbaum, Wacholder und stark stechende Ginsterarten, z.B. Genista scorpius.

Die Landschaft der Causses ist verkarstet mit allen Zügen einer "Man mad desert". Im Zuge dieser Landschaftsumwandlung haben natürlich andere Pflanzen und Tiere in das Gebiet Einzug gefunden. Ursprüngliche Waldtiere, die noch im Neolitikum gejagt wurden, wie Hirsch und Wildschwein verschwanden, denn eine Steppenflora und -fauna hat Platz gegriffen, die die neuen vom Menschen geschaffenen Umweltbedingungen entsprechend genutzt hat.

Die Landschaft der Grands Causses kann also als eine vom Menschen wesentlich geschaffene bezeichnet werden . Das Naturerbe ist in dieser Beziehung also gleichzeitig ein Kulturerbe.

Die auf den Causses siedelnden Menschen haben sich inzwischen an die geschaffenen Bedingungen angepasst. Ihre Siedlungen sind klein, meist vereinzelte Bauerngehöfte, an den Windschatten spendenden Hang gebaut, aber meist dreigeschossig. Unten die Räume für das Vieh (Bergerie), darüber die Wohnräume (Habitation) und oben ein Kornspeicher (Granier). An der Luvseite fehlen meist die Fenster. Als typische Siedlungsform und Beispiel für die Wirtschaftskultur auf den Grands Causses präsentiert der Nationalpark die "Ferme caussenarde d'autrefois à Hyelzas".

Anders ist die Situation im Kerngebiet der Cevennen auf dem Schiefer und Granit. Hier hat sich eine Kultur entwickelt, die eng mit der Seidenraupenzucht, der Bienenzucht und der Nutzung der Kastanienwälder auf den silikatischen Böden verbunden ist. Die Beweidung mit Schafen wurde durch Ziegen ersetzt, die besser in den Felsen klettern können.

Kastanienwälder und Maulbeerbäume zeugen noch heute von dieser Kultur.

Die Häuser sind auch hier dreigeschossige Steinbauten. Im Untergeschoss ist der Ziegenstall (Chèvrerie), das Mittelgeschoß (Habitation) dient wieder dem Wohnen und das weiträumige Obergeschoss (Magnanarie) diente der Seidenraupenzucht, also der Produktion von Naturseide.

1450 hat Lyon das Seidenmonopol erhalten! Die Cevennenseide beherrscht den Weltmarkt. 1850 werden in den Cevennen 200 000 kg Kokons produziert. Ein Kokon liefert rund 2 km Seidenfaden, von denen 5-6 Stück zusammengezwirnt werden. In Lyon stehen 1824 100 000 Seidenwebstühle, von den vielen anderen in den wohlhabend gewordenen Cevennenstädten (Le Vigan, Ganges usw.) ganz zu schweigen. Die Ruinen der Industriebauten prägen heute überall das Siedlungsbild der Städte und größeren Orte.

Der Seidenbauer fängt mit 30 Gramm Eier des Seidenspinners Bombix mori im Frühjahr an. Zur Aufzucht der Raupen braucht er 120 m³ gut gelüfteten Raum (die Magnanarie im dritten Geschoss des Hauses) und eine Fläche von 60 qm. Zwei Tonnen Blätter des Maulbeerbaumes (Morus alba) sind nötig; in den letzten 20 Freßtagen der Raupen, je zwei Zentner in vier Tagesmahlzeiten. Diese Menge an Blättern muss erst einmal geerntet (gepflückt), herbeigeschafft und verfüttert werden. Sie muss aber auch wachsen, und daher ist Morus alba auch heute noch ein Kultursymbol der Cevennen.

Die Blätter des Maulbeerbaumes sind für die Seidenraupenzucht nur im Mai und Juni brauchbar. Danach werden sie hart und sind nicht genügend eiweißreich. Deshalb gibt es nur eine Zuchtperiode (Generation) pro Jahr. Erst neuerdings versucht man mit geklonten invitro-Zuchten diese natürliche Klippe zu umgehen. Die Blätter lassen sich von solchen Stecklingen auch leichter ernten als von hohen Bäumen. Mit dieser neuen Sorte "Kokuso 21" sind jetzt 6 aufeinander folgende Zuchten von Mai bis Oktober möglich geworden! Die Biotechnik bringt auch für die Seidenerzeugung in den Cevennen eine neue Perspektive!

Die arbeitsaufwendige Naturseidenindustrie (Raupenzucht, Webstühle: um einen modernen Seidenwebstuhl mit etwa 4 000 Fäden einzurichten, benötigen zwei Arbeiter zehn Arbeitstage, dann erst liefert er pro Tag 10 Meter gemusterten Seidenstoff in 1,40 m Breite) hing im Sinne des Wortes am "Seidenen Faden".

Heute gebräuchliche Industrieprodukte (Kunstseide, Nylon, Perlon) besorgten nach dem Zweiten Weltkrieg den Niedergang. Die Realität war Landflucht, und es galt, neue Perspektiven zu finden! Das Biosphärenreservat Parc National des Cevennes ist eine Perspektive, und "La Protection du Patrimoine" ein Weg, der konsequent beschritten und dem gefolgt wird.

Als typisches Gehöft des Siedlungsstils im Seidengebiet präsentiert der Nationalpark die Magnanarie de la Roque.

Auf dem Granit und den hohen Bergen des Mont Lozère und seinen furchtbaren Winterstürmen sehen die Siedlungen anders aus. Neben den Häusern sind sie geprägt durch die Sturmglockentürme. Die Häuser drängen sich eng ineinandergefügt, aber der Viehstall (Étable) ist vom Wohnhaus getrennt und steht quer zu diesem. Die Viehzucht konzentriert sich heute auf Qualtitätsrinder für Milch- und Fleischproduktion, es gibt oft auch einen eigenen Schlachtplatz (Aire d'àbattre) und natürlich auch eine Scheune, denn im Winter galt für die rinder "Stallhaltung".

In den langen Wintern spielte sich das Leben der Menschen gemeinsam mit dem Vieh in den verschneiten Gehöften ab. Es gehört deshalb in den Häusern auch ein Gemeinschaftsraum mit einem großen Kamin zum Kernbestand dieser Häuser (siehe Abb.) Den Informationen des Nationalparks zufolge, wird hier das Gemeinschaftsleben in den Ortslagen noch heute hoch gehalten. Es heißt zum Beispiel "Am Abend kommt man noch wie früher zusammen, um dem Klang von Oboe und Akkordeon zuzuhören und den Geschichten, die hier erzählt werden, zu lauschen". Ob das im Zeitalter des Fernsehens wirklich noch zutrifft?

In den Informationszentren des Nationalparks und den Depandancen des Écomusée wird das Thema des Patrimoine vertieft.
 
 

Die Verwaltung des Biosphärenreservats (Gestion)

Das Biosphärenreservat der Cevennen, steht unter staatlicher Verwaltung, die dem Ministerium für Umwelt in Paris direkt untersteht. Der Verwaltungssitz ist Florac (Lozère). Das Biosphärenreservat "Parc National des Cevennes" wird von einem Direktor mit seinem Stellvertreter geleitet. Es gibt ein Team von rund 60 Mitarbeitern: Mitarbeiter im Außendienst (Parkbetreuer und Sektorenleiter) sowie technische Fachleiter für Biologie, Soziologie, Architektur, Öffentlichkeitsarbeit, Verwaltung. In der Saison sind ca. 20 bis 30 weitere Mitarbeiter beschäftigt. Davon kann das Biosphärenreservat "Naturpark Pfälzerwald" wohl nur träumen!

Die Verwaltung hat administrative Kompetenzen (Verbote, Gebote, Bauleitplanung usw.). Hierfür gibt es spezielle Fachausschüsse, z.B. für Wissenschaft, für Landwirtschaft, Architektur, Landschaft, Jagd und Fischfang, Fremdenverkehr sowie für kulturelle Aktionen.

Ferner gibt es einen Aufsichtsrat, der sich aus Vertretern der Ortsbevölkerung und der nationalen/departementalen Verwaltung zusammensetzt. Für die Koordination ist ein ständiger Ausschuss zuständig. Finanziert wird alles hauptsächlich vom Staat. Umgerechnet auf die französische Bevölkerung soll es sich um 40 centimes pro französischen Staatsbürger handeln!

In der Randzone des Parks wird nur ein Wirtschaftsprogramm gefördert, für das ein interdepartementaler Beratungsausschuss aus 70 Mitgliedern (Lozère, Gard, Ardèche) gebildet ist. Die erforderlichen Zuschüsse kommen aus verschiedenen Ministerien sowie aus Eigeninitiativen, z.B. zur "Erhaltung der seßhaften Bevölkerung", "zur Vermehrung der Unterkunftsmöglichkeiten", "Achtung der Landschaft", "Verbesserung der Lebensumwelt" und aus Programmen der Europäischen Union.

An den Nationalpark schließt sich im Südwesten der "Parc Naturel Régional du Grands Causses" an. Er hat den Status eines regionalen Naturparks, vergleichbar mit unseren Naturparks, aber die französischen Naturparks haben mehr Funktionen als bei uns, nämlich nicht nur großräumige Erholungsgebiete für die Bevölkerung bereitzustellen, sondern sie dienen im Wesentlichen der wirtschaftlichen Erschließung des ländlichen Raumes. Dementsprechend haben sie auch wesentlich höhere, nämlich auch administrative Kompetenzen, als das bei uns der Fall ist.

Strenge Schutzbestimmungen für Pflanzen und Tiere, wie in den Kernzonen des Nationalparks gibt es hier natürlich nicht. Die Steigerung des Fremdenverkehrs, um für die ansässige Bevölkerung bessere Lebensgrundlagen zu schaffen, ist auch hier das wichtigste Anliegen.

Insofern gibt es einmalige Identitäten zwischen dem Biosphärenreservat und diesem regionalen Naturpark.

Nationalparke haben in aller Welt die Hauptfunktion, die Natur in einem unberührten Zustand und sich selbst zu überlassen, d.h. Wildnis zu bewahren oder zu schützen.

Der Nationalpark Cevennen ist eben ein Biosphärenreservat und fällt, wie schon gesagt, aus dem allgemeinen internationalen Rahmen von Nationalparks heraus. Er hat damit gleichzeitig eine Art Vorreiterfunktion für die Bewältigung der zukünftigen Fragen, betreffs der nachhaltigen Entwicklung und Nutzung von Natur, Landschaft und Kulturerbe.

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