Sommerexkursion in den Naturpark Eichsfeld, Hainich, Werratal

Gewöhnliche Akelei (Aquilegia vulgaris) 
auf der Hochfläche im NSG Wisch

Botanische Mehrtagsexkursion, Mittwoch, 02.06.2010 bis Sonntag, 06.06.2010
Führung: Dr. Hans Reichert, Trier

 
Bericht über die botanisch-geographische Exkursion
der POLLICHIA-Kreisgruppe Bad Kreuznach
und des Botanischen Arbeitskreises Nahe-Hunsrück
in Nordhessen und West-Thüringen
vom 2. bis 6. Juni 2010
 
von Dr. Hans Reichert, Trier
Fassung vom 10. Juni 2010

 

 

1. Vorwort
Der Bericht ist so abgefasst, dass er zugleich als Exkursionsführer dienen kann. Um den Umfang des Textes zu beschränken, wurde bei der Erwähnung bemerkenswerter Pflanzen keine Vollständigkeit angestrebt. Ausführliche Pflanzenlisten wie auch Abbildungen wurden separat zusammengestellt und als eigene Dateien gespeichert. Aus dem gleichen Grund unterblieb die Nennung deutscher Pflanzennamen. Sie können am Schluss des Berichtes in einer alphabetischen Liste aller erwähnten wissenschaftlichen Pflanzennamen nachgeschlagen werden, wo die deutschen Namen beigefügt sind.

 

2. Danksagung
Bei der Vorbereitung und Durchführung der Vorexkursion und der Exkursion waren folgende Personen behilflich, denen an dieser Stelle herzlich gedankt sei:
Hermann Dilling, Landesbetriebsleitung Hessen-Forst, Abt. Umweltbildung, Naturschutz und Naturwaldreservate
Dr. Thomas Gregor, Schlitz/Hessen, Botaniker am Senckenberg-Institut in Frankfurt
Manfred Großmann, Nationalparkverwaltung Hainich, Bad Langensalza
Wolfgang Steigner, POLLICHIA-Mitglied, Altenglan

 

3. Verkehrsmittel, Unterkunft, Kartenmaterial
Die Exkursion wurde mit einem Reisebus der Firma Molter in Abtweiler bei Meisenheim/Glan durchgeführt. Das Quartier wurde vom Reiseunternehmen gebucht. Die Wahl fiel auf das Hotel zur Warte in Dohrenbach, einem kleinen Dorf im Naturpark Hoher Meißner-Kaufunger Wald, das in die Stadt Witzenhausen eingemeindet ist. Geographisch lag das Hotel ungünstig in der Nordwest-Ecke des Exkursionsgebietes, so dass zu den meisten Exkursionszielen größere Strecken zurückzulegen waren.
Für Exkursionen, die sich mehr auf den Naturpark Hoher Meißner-Kaufunger Wald und das Werratal unterhalb Eschwege konzentrieren (siehe dazu auch Anmerkungen im Abschnitt 6), kann das Hotel wegen seiner familiären Atmosphäre und seiner guten Küche wärmstens empfohlen werden.
Für unser großes Exkursionsgebiet hätte eine Unterkunft in der Kreisstadt Eschwege oder ihrer unmittelbaren Umgebung zentraler gelegen.
Das Exkursionsgebiet wird durch die vom Thüringischen Landesamt für Vermessung und Geoinformation herausgegebene Wanderkarte 1 : 50 000 „Südliches Eichsfeld, Hainich, Werratal“ (ISBN 978-3-86149-225-1) zu 80% abgedeckt. Lediglich für den nordwestlichen Zipfel benötigt man die vom Hessischen Landesvermessungsamt herausgegebene Wanderkarte „Meißner, Kaufunger Wald“ (ISBN 978-3-89446-318-2)

 

4. Anforderungen an die Teilnehmer
Da die meisten Teilnehmer 60 Jahre und älter waren, konnten keine sehr anstrengenden Ziele angesteuert werden. Für die einzige große Wanderung von 9 km Länge und einem Höhenunterschied von 200 m wurden 6 Stunden vorgesehen, damit ein gemächliches Tempo und eine größere Ruhepause möglicht waren. Wem selbst dies zu beschwerlich war, konnte eine kürzere Alternativstrecke wählen (siehe 5.10). Für eine etwa 5 km lange Wanderung mit 150 m Höhenunterschied standen 3 Stunden zur Verfügung. An allen übrigen Exkursionszielen fanden nur etwa einstündige Rundgänge statt.

 

5. Beschreibung des Exkursionsverlaufs
 
----------- 2. Juni ---------
 
Um 11 Uhr startete der Bus in Abtweiler und nahm in Bad Kreuznach und Wörrstadt weitere Teilnehmer auf. Über Frankfurt und die Autobahnen A 5 und A 4 ging es direkt zum ersten Exkursionsziel, dem Nationalpark Hainich. Durch die neue Autobahntrasse bei Eisenach wird man direkt an den Südrand des Nationalparks herangeführt. Gegen 16 Uhr verließen wir an der Anschlussstelle Eisenach-Ost die Autobahn, fuhren auf der B 84 in Richtung Langensalza und erreichten schon nach 2 km das erste Exkursionsziel.
 
5.1 Nachtigallenweg beim Wanderparkplatz Kindel am Rand des einstigen Truppenübungsplatzes der Sowjetarmee
Der mit einem Nachtigallsymbol ausgeschilderte Wanderpfad führt in westlicher Richtung in einen der waldfreien Teile des Nationalparks. Die Sowjetarmee rodete hier nach dem Krieg 600 ha Laubwald, um einen schon vorher bestehenden kleineren Truppenübungsplatz zu erweitern. Großflächig breitet sich noch Wiesen-Vegetation aus, teilweise hat die Gebüsch-Sukzession eingesetzt. Kleine Teiche und Quellbäche tragen zu weiterer Biotopvielfalt bei, die sich in einem Konzert von Vogelstimmen kundtat (Nachtigall, Singdrossel, Zilpzalp u.a.). Außerhalb des Wanderpfades besteht wegen noch herumliegender Munition Betretungsverbot, so dass Flora und Fauna wie in vielen Truppenübungsplätzen gut geschützt sind.
An bemerkenswerten Pflanzenarten notierten wir Ajuga genevensis und in großer Zahl Leucanthemum vulgare s. str..
 
Weiter ging es über die B 84 nach Reichenbach und von dort auf kleinen Landstraßen über Craula zum Nationalparkzentrum beim Forsthaus Thiemsburg.
 
Nationalpark Hainich in Stichworten
Mit 130 km2 größtes zusammenhängendes Laubwaldgebiet Deutschlands. Am Westrand des Thüringer Beckens auf einem Muschelkalkplateau gelegen, das nach (Süd-)Westen hin steil abbricht und durch kurze Tälchen gekerbt ist, nach (Nord-)Osten zum Thüringer Becken hin sanft abfällt. Erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung über ca. 25 km und in Ost-West-Richtung über durchschnittlich 5 km. Trotz nicht gerade unfruchtbaren Kalkbodens seit jeher bewaldet. Weiter östlich steigt die Bodengüte wegen Löß-überdeckung an. Dort herrscht landwirtschaftliche Nutzung vor. Der Hainich dagegen diente der Bevölkerung für die ebenso lebensnotwendige Forstwirtschaft. Man denke nur an die verbreitete Fachwerkbauweise. In Kriegszeiten war der Wald außerdem Rückzugsraum, wovon etliche Fluchtburgen an der Westkante des Hainichs zeugen.
Nach der Wiedervereinigung gewann die Nationalparkbewegung Politiker und Behörden dafür, den 7500 ha großen Truppenübungsplatz in der Südhälfte des Hainichs aus der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung herauszunehmen und als Nationalpark auszuweisen. Ziel ist es, dem für Mitteleuropa besonders typischen Ökosystem Buchenwald hier Gelegenheit zu geben, sich großflächig in einen urwaldähnlichen Zustand zurückzuverwandeln.
 
5.2 Nationalparkzentrum Thiemsburg
 
5.2.1 Kurze Waldwanderung südwestlich des Zentrums
Ausgeschilderte Wanderwege führen durch einen artenreichen Laubwald mit ca. 20 Gehölzarten. Es genügt, einen halben Kilometer über den Bediensteten-Parkplatz des Naturparkzentrums hinauszugehen, um vom Weg aus mächtige Elsbeerbäume und eine Reihe seltenerer Kräuter wie Actaea spicata, Anemone ranunculoides, Asarum europaeum, Hepatica nobilis, Lathyrus vernus, Lilium martagon, Orchis pallens, Phyteuma spicatum, Ranunculus lanuginosus, Sanicula europaea und andere zu sehen. Für einige der genannten Arten war unser Exkursionstermin allerdings zu spät. Anemone ranunculoides war nicht mehr zu identifizieren, und Orchis pallens war stark im Abblühen begriffen
.
5.2.2 Begehung des Baumkronenpfades mit Aussichtsturm
Ein faszinierendes Erlebnis ist der Spaziergang im Kronenbereich eines ausgewachsenen Laubwaldes und der Blick vom Aussichtsturm über das ausgedehnte Waldgebiet des Hainichs. Sowohl was seine stabile und doch elegante technischen Konstruktion anbetrifft als auch seine umweltpädagogische Ausstattung, lässt der Baumkronenpfad nichts zu wünschen übrig. Auch für Familien mit Kindern ist er ein lohnendes Reiseziel. Scharen von Besuchern beweisen, dass die Millionen Euro, die man hier investiert hat, nutzbringend ausgegeben wurden. Der Besucherandrang lässt es ratsam erscheinen, das Zentrum am späten Nachmittag aufzusuchen. Die lange Öffnungszeit (April bis Oktober Einlass bis 18 Uhr und Öffnungszeit bis 19 Uhr) macht dies möglich.
 
5.2.3 Besuch der Ausstellung
Lohnend ist ebenso der Besuch der Ausstellung im Besucherpavillon, die - teils mit interaktiven Medien - alles Wissenswerte über den Nationalpark vermittelt.
 
Was die Weiterfahrt zu unserem Quartier in Witzenhausen-Dohrenbach betrifft, zeigte auch das Navigationsgerät keine schnelle Verbindung an, sondern einen Weg über kleine Landstraßen mit vielen Abbiegungen. Er führte durch abwechslungsreiche Landschaften und Dörfer mit den regionaltypischen Fachwerkhäusern. Sie sind teilweise mit Schiefer verkleidet, der wohl aus dem Thüringischen Schiefergebirge (südöstlich an den Thüringer Wald angrenzende) stammt. Wir passierten Weberstedt, Mülverstedt, Flarchheim, Oppershausen, Langula und Oberdorla. Wenig östlich bei Niederdorla befindet sich der geographische Mittelpunkt der Bundesrepublik Deutschland.
 
Geographischer Mittelpunkt
Darunter versteht man den Punkt mit dem maximalen Abstand zur Landesgrenze. Wegen des unregelmäßigen Grenzverlaufs ist er nicht leicht zu ermitteln, und es gibt keine ideale Methode dafür. Bezieht man z. B. die Inseln der Nord- und Ostsee mit ein oder nicht? Von vier Berechnungsmethoden weisen immerhin zwei auf unterschiedliche Punkte der Gemarkung Niederdorla.
 
Wir querten dann den nördlichen, nicht zum Nationalpark gehörenden Teil des Hainichs und passierten bei Heyerode dessen Steilabfall nach Westen. Über Diedorf und Katharinenberg erreichten wir bei Wanfried das Werratal. Über Eschwege und Bad Sooden-Allendorf gelangten wir gegen 20 Uhr unser Hotel. Die Wirtin war per Handy über unsere späte Ankunft informiert, so dass es keine Probleme mit dem Abendessen gab.
 
-----------3. Juni-----------
 
Auf dem Programm stand der thüringische Abschnitt des Werratals zwischen Creuzburg und Treffurt, der durch malerische Talverengungen mit Muschelkalk-Felshängen gekennzeichnet sind. Der Mittelteil dieser Talstrecke ist für Durchgangsverkehr nicht passierbar, so dass zwischen den beiden genannten Städten die Verkehrswege das Werratal umgehen.
Botanisches Thema war zunächst die Talaue der Werra. In weiten Teilen ist diese intensiv landwirtschaftlich genutzt, und Auenwälder, Feuchtwiesen und Ufer-Staudensäume sind kaum noch vorhanden. Die Werra ist durch Abwässer von Salzbergwerken salzbelastet, jedoch nicht so stark, dass dies an den Ufern eine ausgeprägte Salzflora entstehen ließ. Nur vereinzelt haben sich Halophyten angesiedelt.
Unmittelbar hinter der ehemaligen DDR-Grenze bei Treffurt blieben im Umkreis von Kies-Baggerweihern Reste von Talwiesen und Auenwäldern erhalten, die als Naturschutzgebiet ausgewiesen wurden. Der Bus konnte unmittelbar am Rand auf einem breiten Feldweg parken.
 
5.3 NSG Frankenloch und Werra-Aue bei Treffurt
Am Werra-Ufer zieht sich ein breiter Streifen von Stauden entlang. Wir sahen u. a. die Doldenblütler Chaerophyllum aureum, Chaerophyllum bulbosum und Conium maculatum, weiterhin übermannshohe vorjährige Strünke von Dipsacus pilosus, neben denen diesjährige Sprosse kräftig austrieben. An Säumen der Auenwaldreste wuchs reichlich Valeriana officinalis s. str. (V. exaltata), der sich durch meist fehlende Ausläufer und zahlreiche (bis 15) stark gezähnte Blattfiedern zu erkennen gibt. Es ist eine mehr östlich verbreitete, in Rheinland-Pfalz seltene Sippe, was Oberdorfer deutlich herausstellt, Rothmaler jedoch nicht.
Auf einem Wiesenrest blühte Ornithogalum umbellatum.
Am Rand einer Feldhecke sahen wir eine kleine offene Grube mit Losung darin. Der Dachs hatte hier seine Spur hinterlassen.
Die Baggerweiher boten Gelegenheit zu ornithologischen Beobachtungen. Ein Paar Reiherenten wurde gesichtet, und der Gesang des Sumpfrohrsängers war zu hören.
 
Hinter Treffurt umgeht die B 250 das enge, gewundene Werratal in einem auffallend breiten Seitental, in dem die Dörfer Schnellmannshausen und Volteroda liegen. Es wird von einem kleinen Bach durchflossen, der unmöglich das breite Tal ausgeräumt haben kann. Es wäre interessant zu wissen, ob hier wie bei ähnlichen Tälern der Schwäbischen Alb der Oberlauf durch sogenannte Anzapfung gekappt wurde. Der breite Talboden endet unvermittelt an einer Kante, von der die Straße mit einer starken Kurve steil in eine enge Talkerbe hinabführt. Diese mündet in eine breite Senkungszone, die als Netra-Ifta-Grabenbruch bezeichnet wird. Wie viele Grabenbrüche ist auch dieser für Verkehrswege günstig und wird von der B 7 benutzt, auf der wir in östlicher Richtung wieder das Werratal bei Creuzburg erreichten..
Wir fuhren zunächst an dem Städtchen vorbei und auf einem öffentlichen Wirtschaftsweg zum südwestlich gelegenen Gutshof „Wilhelmsglücksbrunn“. Dort befindet sich in der Talaue der Werra eine Salzquelle, die lange Zeit für einen Salinenbetrieb genutzt wurde. Heute betreibt der von alten Bäumen umgebene Hof Landwirtschaft und eine Ausflugsgaststätte.
 
5.4 NSG Werra-Aue bei Wilhelmsglücksbrunn
Das Gebiet besteht größtenteils aus Viehweiden, die mit Hilfe von Wasserbüffeln extensiv genutzt werden. Sie dienen ornithologischen und botanischen Schutzzwecken. Um die Attraktivität als Vogel-Rastpatz zu erhöhen, wurden mehrere flache Weiher angelegt. Die Vögel, die sich dort aufhalten, können von einem Beobachtungsstand aus angeschaut werden.
Um die nach Beendigung des Salinenbetriebs vorübergehend dezimierte Salzflora zu fördern, wird von der noch vorhandenen Quellfassung der Salzquelle Sole auf die Wiesen geleitet. Im Umkreis des ehemaligen Brunnenhauses, von dem nur noch der Sockel vorhanden ist, gibt sich die Halophytenvegetation deutlich durch einen Bestand von Bolboschoenus maritimus mit eingestreuten Exemplaren von Eleocharis uniglumis zu erkennen. Nicht finden konnten wir Glaux maritima und Trifolium fragiferum, die für das Gebiet ebenfalls angegeben sind.
Am Damm der durch die Wiesen zur Salzquelle hinführt, kommt vereinzelt Ornithogalum umbellatum vor. Neben dem Damm zieht sich ein Seggenried mit Carex acutiformis, Carex disticha, Carex riparia und Carex vulpina entlang.
Am Hofgut fanden wir in einem Wassergraben üppige Exemplare von Oenanthe aquatica und Ranunculus sceleratus. Am Wegrand konnten wir Carduus crispus subsp. crispus mit ihren breiten, weichen und fast nicht stachligen Blättern studieren. Sie unterscheidet sich habituell stark von der im westlichen Rheinland-Pfalz dominierenden subsp. multiflorus, die mit ihren schmäleren und stark stacheligen Blättern an C. acanthoides erinnert und oft mit dieser verwechselt wurde.
Auf dem Dach des Hofgutes konnten wir einen brütenden Storch beobachten.
Als ornithologische Raritäten werden am Beobachtungsstand Bekassine, Rohrweihe und Wachtelkönig genannt.
 
Wir steuerten dann den Parkplatz bei der Werrabrücke in Creuzburg an. Dort fand die Mittagsrast statt. Danach war Gelegenheit zur Besichtigung der alten Werrabrücke, der ältesten Steinbrücke nördlich des Mains. Die kunsthistorisch bedeutende Liboriuskapelle unmittelbar daneben war leider wegen Renovierung geschlossen.
 
Danach wanderten wir durch die Stadt hindurch zum NSG Wisch am Muschelkalk-Hang nordwestlich der Stadt.
Creuzburg gruppiert sich um eine vorgelagerten Kalkkuppe, die von der gleichnamigen Burg gekrönt ist. Zur Zeit der heiligen Elisabeth von Thüringen war sie als Familiensitz der Thüringer Herzöge wichtiger als die Wartburg, die mehr repräsentativen Zwecken diente. Die Burg überstand den zweiten Weltkrieg nahezu unbeschadet, während die Stadt 1945 durch Artilleriebeschuss weitgehend zerstört wurde und deshalb im Gegensatz zu den anderen Kleinstädten entlang der Werra nur noch Reste alter Bausubstanz enthält.
 
In einem von klarem Wasser durchflossenen Graben am Rand der Stadt notierten wir Berula erecta. Die bei der Vorexkursion ebenfalls beobachteten Nasturtium officinale cf. und Scrophularia umbrosa waren zwischenzeitlich einer „Reinigungsaktion“ zum Opfer gefallen.
 
Über eine malerische Steintreppe mit Renaissanceportal gelangten wir an der alten Gottesackerkirche vorbei (heute Museum) zum NSG Wisch.
 
5.5 Creuzburg: NSG Wisch
Es handelt sich um einen mäßig steil ansteigenden Hang mit extensiv genutzten Wiesen, Schafweiden, Brachflächen, und Gebüschen. Letztere wachsen an sehr flachgründigen Stellen mit Kalk-Felsbänken und sind zum Teil ehemalige Wacholderheiden im Zustand der Verbuschung. Auf der Hochfläche wächst Laubwald.
Man wandert anfangs auf der „Alten Scherbdaer Chausee“ aufwärts, die den Charakter einer steinigen Piste hat und einst die wichtigste Straßenverbindung zum Dorf Scherbda war. Später zweigt ein Wanderpfad ab, der zum Gipfel des Wisch (363 m) führt, von wo man eine großartige Aussicht bis hin zur Wartburg und zum Thüringer Wald hat.
Das Naturschutzgebiet ist vor allem durch seine Orchideenvorkommen bekannt. Wir sahen in großer Zahl Orchis militaris, Orchis purpurea und öfters den Bastard zwischen beiden, Orchis x hybrida. Er steht in seinen Merkmalen ziemlich genau zwischen den Elternarten. Nur an einer Stelle kommt dort Orchis tridentata vor, die wir im weiteren Verlauf der Exkursion öfters sahen. Vorwiegend an Gebüschrändern fanden wir reichlich Gymnadenia conopsea, die noch nicht blühte, sowie Epipactis atrorubens, Ophrys insectifera, Platanthera chlorantha und an einer Stelle Cephalanthera rubra. Noch mehr im Waldesschatten wuchsen Cephalanthera damasonium, Listera ovata und Neottia nidus-avis.
Unser Augenmerk galt aber nicht nur den Orchideen, sondern auch folgenden bemerkenswerten Arten: Anemone sylvestris, Anthericum liliago, Aster amellus, Berberis vulgaris, Bupleurum falcatum, Carex ornithopoda, Carlina acaulis subsp. caulescens, Cirsium acaule, Festuca pulchra (F. valesiaca subsp. parviflora), Laserpitium latifolium, Peucedanum cervaria, Salvia verticillata und anderen.
Als Kuriosität fanden wir Alnus glutinosa auf ausgesprochen trockenem Standort, benachbart zu Alnus incana. Möglicherweise sind beide dort gepflanzt.
 
Der ausgewiesene Rundwanderweg, von dem man eine ausführliche Beschreibung im Internet unter
http://www.science-shop.de/sixcms/media.php/370/Inhaltsverzeichnis%20und%20Leseprobe.pdf
findet, führt auf einem schmalen, beschwerlichen Pfad durch ein enges Kerbtal mit Namen Meßtal abwärts, wo Carex ornithopoda und Laserpitium latifolium reichlicher vorkommen als am Wisch. Uns schien dieser Weg jedoch für unsere älteren Teilnehmer zu riskant.
 
-----------4. Juni-----------
 
Der Tag begann mit einem Stadtbummel in Witzenhausen. Die Kleinstadt erlebte im Lauf ihrer Geschichte etliche Zerstörungen durch Kriege und Brände, blieb aber im zweiten Weltkrieg weitgehend verschont. Die Straßenzeilen im Stadtzentrum werden deshalb von mehr oder weniger prächtigen Fachwerkhäusern bestimmt. Den etwas hochtrabenden Namen
„Universitätsstadt“ darf Witzenhausen tragen, weil 1898 in einem ehemaligen Kloster eine „Deutsche Kolonialschule“ gegründet wurde, die nach dem Kriege in den Fachbereich „Tropische Landwirtschaft“ umgewandelt und der Gesamthochschule Kassel angegliedert wurde. Sie hat sich heute den Schwerpunkt „Ökologischer Landbau“ gesetzt. Das zugehörige Tropengewächshaus konnten wir wegen ungünstiger Öffnungszeiten nicht besichtigen.
 
Danach führte die Fahrt in den Naturpark „Hoher Meißner-Kaufunger Wald
Lagen die bisherigen Exkursionsziele geologisch gesehen im Bereich des Muschelkalks, bewegten wir uns an diesem Tag teils im Bereich älterer Gesteine, nämlich Zechsteinkalken, teils auf Basalt, der sich im Tertiär als Magma über Muschelkalk und darüber liegende tertiäre Sedimente ergoss, ohne ganz an die damalige Erdoberfläche zu gelangen.
Der Zechstein gehört zu einem Komplex älterer Gesteine, die zwischen Hohem Meißner und Werratal zutage treten, und von denen die ältesten dem Devon der „Soodener Grundgebirgshöhen“ angehören, welche das Werratal auf seiner Westseite von Bad Sooden bis Witzenhausen begleiten. Südwestlich davon erstreckt sich bis zum Rand des Hohen Meißners Zechstein. Dieser ist durch Karsterscheinungen gekennzeichnet, die vor allem durch wasserlösliche Gips-Schichten verursacht werden. Vor einigen Jahren haben wir bei der Harz-Exkursion an dessen Südrand vielfältige Karsterscheinungen wie Erdfälle, Gipsbuckellandschaften und Quellkuppen (Zwergenhöhlen) kennengelernt,
Auch diesmal begegnete uns wieder eine durch kleine, felsige Kuppen und Erdfälle reich gegliederte Landschaft beim Dorf Frankershausen. Man denkt daran, dass die Gebrüder Grimm auch in dieser Gegend Märchen gesammelt haben und kann sich gut vorstellen, dass man diese bizarren kleinen Felslandschaften in der Phantasie mich Wichtelmännchen bevölkern kann.
 
5.6 Frankershausen: NSG Kripplöcher
Das Gebiet ist mit dem Bus bequem zu erreichen, da es am nahegelegenen Sportplatz einen größeren Parkplatz gibt. Ein ausgeschilderter Wanderweg führt schon nach 100 Metern zu den beiden hintereinander liegenden Naturschutzgebieten „Kripplöcher“ und „Hielöcher“. Wir beschränkten uns auf das erstere und suchten zunächst einen Acker auf, der allein zur Erhaltung seltener Ackerunkräuter extensiv bewirtschaftet wird. Er liegt in einem großen Erdfall. Das erinnerte an die unvergessliche Cevennen-Exkursion im Jahr 2000, bei der wir auf der Causse Mejean Äcker meist in Dolinen fanden, weil sich dort Feinerde ansammelt.
Von einer größeren Zahl angegebener Raritäten fanden wir jedoch nur einige wenige, darunter Scandix pecten-veneris zu Tausenden und zwischen den kümmerlichen Getreidehalmen fast flächendeckend. Vereinzelt gab es Consolida regalis, Legousia speculum-veneris  und Valerianella dentata. Vergeblich hielten wir nach Adonis aestivalis, Anagallis foemina und Phleum paniculatum Ausschau.
Auf angrenzenden Kalkkuppen gab es u.a. folgende Pflanzenarten: Arabis hirsuta, Cerastium semidecandrum (nur auf einem stark betretenen Wanderpfad und möglicherweise bei der Vorexkursion erstmals nachgewiesen), Minuartia hybrida (in größerer Zahl und gerade voll aufgeblüht), Orchis tridentata, Rosa micrantha, und Saxifraga tridactylites. An eine kleinen Kalk-Felswand wies Thomas Gregor bei der Vorexkursion Asplenium trichomanes subsp. pachyrachis nach. Obwohl das Naturschutzgebiet Ziel zahlreicher botanischer Exkursionen ist, scheint das Vorkommen bisher nicht beachtet worden zu sein. Diese Unterart des Braunstieligen Streifenfarns fällt dadurch auf, dass die Wedel dicht an die Gesteinsunterlage angeschmiegt sind und ihre Fiedern sich dachziegelig überlappen. Die Wedel wirken deshalb wie Arme eines Seesterns. Der Farn ist ebenso wie das daneben wachsende Gymnocarpium robertianum ein Kalkzeiger. Die ebenfalls hier vorkommenden Arten Botrychium lunaria und Veronica verna fanden wir nicht. Für letztere war die Jahreszeit zu weit fortgeschritten.
Beim Rückweg fiel uns an einer Weggabelung eine Gruppe von Lichtnelken auf, die teils weiß, teils rosa blühten. Die Bestimmung am Abend ergab, dass es sich durchweg um Silene latifolia (alba) handelte. Diese kommt laut Bestimmungsbüchern selten in rosa blühender Form vor. Wir sahen von dieser am nächsten Tag im Vorbeifahren eine ganze Straßenböschung voll.
 
Wir fuhren dann weiter zum Hohen Meißner, zu dessen Erkundung bei der Vorexkursion die Zeit fehlte. Das wurde aber dadurch wettgemacht, dass sich am heutigen Tag ein ortskundiger Bekannter eines Exkursionteilnehmers zu uns gesellt hatte, nämlich der im Abschnitt zwei vorgestellte Hermann Dilling. Er leitete uns zunächst zum Frau-Holle-Teich, der von alters her mit der Sagen- und Märchengestalt von Frau Holle in Verbindung gebracht wird. Sie tritt in den Überlieferungen in sehr unterschiedlicher Gestalt auf, keineswegs als alte Frau wie in Grimms Märchen, sondern auch als junge Schönheit von der Art einer Quellnymphe. Am Frau-Holle-Teich wurde eine Skulptur der jungen Version gewählt. Ein esoterischer Frauenclub soll gegen die Aufstellung des Denkmals Sturm protestiert haben, da er eine Störung des Strahlungsfeldes an diesem mystischen Ort fürchtete.
 
5.7 Hoher Meißner: Frau Holle-Teich und Umgebung
Dass wir uns bei nahezu 700 Metern in einer ganz anderen Höhenstufe befanden als beim bisherigen Exkursionsverlauf, wurde beim Erkunden der Flora sofort deutlich. Auf einer Wiese neben dem Teich leuchteten uns Blüten von Trollius europaeus und Geranium sylvaticum entgegen. Die in tieferen Lagen schon längst verblühte Cardamine pratensis war hier noch am Blühen.
Am Teichufer gab es außer einem schönen Bestand von Equisetum fluviatile weiter keine Besonderheiten. Interessanter war der Wanderpfad entlang einem klaren Quellbach aufwärts Richtung Kalbe. Dort notierten wir Adoxa moschatellina, Asarum europaeum, Cardamine amara, Chrysosplenium oppositifolium, Equisetum sylvaticum, Gymnocarpium dryopteris, Lunaria rediviva, Phegopteris connectilis, Polygonatum verticillatum und Stellaria nemorum.
 
Auf der Straße, die das Meißner-Plateau umrundet, fuhren wir von der Ost- auf die Westseite und besuchten dort einer der Magerwiesen, welche vor der Aufforstung durch die Preußen das Meißner-Plateau bedeckten. Wir fuhren am Weiberhemd-Moor vorbei, wo uns große Bestände von Eriophorum vaginatum entgegenleuchteten und wo wir am liebsten ausgestiegen wären. Hätten wir die Problematik des letzten Tagezieles (5.9) geahnt, hätten wir vermutlich hier Halt gemacht. So aber fuhren wir weiter bis zum lohnenden, nächsten Ziel
.
5.8  Hoher Meißner: Hausener Hute
Als nach dem Wiener Kongress der Hohe Meißner von Hessen an Preußen überging und die preußischen Forstbehörden die waldfreien Flächen mit Fichten aufforsteten, unterblieb vermutlich wegen einer gerichtlichen Auseinandersetzung die Aufforstung dieser Magerwiese. So blieb ein typischer Borstgrasrasen erhalten, der zudem einen großartigen Ausblick über das nordhessische Bergland gewährt.
Wir fanden u.a. folgende Pflanzenarten: Arnica montana, Briza media, Carex pilulifera, Geranium sylvaticum, Leucanthemum ircutianum, Leucanthemum vulgare, Nardus stricta, Polygala vulgaris, Ranunculus nemorosus, Rhinanthus minor und Thesium pyrenaicum cf.
Ein Denkmal am oberen Rand des Wiesengeländes erinnert an die Bedeutung des Meißners für die Jugenbewegung. Diese prägte auch die Bezeichnung „Hoher Meißner“, die bis dahin nicht üblich war. Mundartlich wird der Berg „Wissener“ genannt, was so viel wie „Weißer“ bedeutet, wegen der langen Schneebedeckung.
 
Wir fuhren auf die Ostseite des Meißners zurück und genossen dort beim Gasthaus Schwalbental den weiten Blick nach Osten über das Werratal bis hin zum Hainich und Thüringer Wald. Vorbei an einem reichen Vorkommen von Lunaria rediviva beiderseits der Straße verließen wir den Meißner über die L 3241 in östlicher Richtung und fuhren ins Werratal hin unter. Dort war das NSG Weinberg bei Jestädt unser Ziel. Dort gibt es einen kleinen Ausläufer von Zechsteinkalk, in welchen die Werra einen Prallhang hineingenagt hat. Nach Süden exponiert, diente er als Weinberg. Nach der Aufgabe des Weinbaues entwickelten sich Kalk-Magerrasen, die man durch Pflegemaßnahmen in Form von Schafbeweidung zu erhalten versucht. Bei der Vorexkursion zeigten sich die Rasen in voller Blütenpracht, u.a. mit einem reichen Vorkommen von Orchis tridentata, und ich entschied mich, trotz sehr ungünstiger Anfahrtmöglichkeit für den Bus, den Hang aufzusuchen. Nichts unbedingt Gutes verhieß eine Schafherde, die gerade eine Teilfläche beweidete.
 
5.9 Jestädt: NSG Weinberg 
Wie zu befürchten, gab es für den Bus bei der Anfahrt erhebliche Schwierigkeiten. Schlimmer war, dass fast das gesamte Wiesengelände von den Schafen abgefressen war. Nur noch auf einer Restfläche waren ein paar nahezu abgeblühte Exemplare von Orchis tridentata zu sehen. Es gelang uns nach längerem Herumklettern bis fast zum Fuß der Felswände am oberen Hang, die anderen Raritäten zu sehen, darunter die in größeren Beständen vorkommenden Kulturrelikte Iris germanica, Lactuca virosa und Ruta graveolens. Hier und da waren einzelne Exemplare von Acinos arvensis, Ajuga genevensis, Anthemis tinctoria, Hippocrepis comosa, Koeleria pyramidata, Muscari neglectum, Scabiosa columbaria, Thlaspi perfoliatum, Veronica teucrium und Vincetoxicum hirundinaria übrig geblieben. Gegen eine solch totale Beweidung gerade zur Blütezeit ist fachlich nichts einzuwenden, wenn sie nicht in jedem Jahr geschieht. Aufkommendes Gebüsch kann am stärksten zurückgedrängt werden, wenn in der Haupt-Wachstumsphase abgefressen wird.
Bemerkenswert ist weiterhin dass die beiden „Kleinarten“ der Margerite, Leucanthemum ircutianum und Leucanthemum vulgare hier in etwa gleicher Häufigkeit vergesellschaftet sind, was selten der Fall ist.
An Felswänden nahe dem Weg sahen wir Sedum maximum cf. und Sempervivum tectorum.
Die im Bereich der hohen Felsabstürze vorkommenden Coronilla coronata und C. vaginalis waren für uns unerreichbar. Dort oben wurde vor Jahren auch Bryonia alba gefunden.
 
-----------5. Juni-----------
 
Für diesen Tag war die größte Wanderung vorgesehen, und zwar im NSG Plesse und Konstein bei Wanfried. Die floristischen Reichtümer dieses Gebietes bekommt man nur zu sehen, wenn man einen weiten Anmarschweg in Kauf nimmt, da es keine nahegelegenen Parkplätze gibt, schon gar nicht für Busse. Für die Wanderung eignet sich deshalb auch nur ein Tag mit stabiler Wetterlage, da man nur an einer einzigen Schutzhütte vorbeikommt. Für wenig trainierte Personen bietet sich der 9 km lange Premium-Wanderweg P 5 an, da er kaum Stolpersteine aufweist, und der Höhenunterschied von 200 m mit mäßigen Steigungen bewältigt wird.
Während man mit Pkw’s den auf 1/3 Hanghöhe gelegenen Parkplatz „Grillplatz“ erreichen kann und sich damit den Aufstieg durch die botanisch weniger interessante, landwirtschaftlich genutzte untere Hangpartie mit Buntsandstein-Untergrund erspart, ist dies mit dem Bus nicht möglich. Sogar im Tal fehlt ein für Busse geeigneter Parkplatz, und die Tourist-Information verweist auf einen in Wanfried gelegenen, der aber zu weit abseits liegt. Es gibt aber folgende Möglichkeit: Der Bus fährt, aus Richtung Eschwege kommend, auf der Umgehungsstraße an Wanfried vorbei und biegt nach ca. 500 m in die links gelegene Einmündung der Zufahrtsstraße zum (nicht ausgeschilderten) Rittergut Kalkhof ein. Die Einmündung ist so breit, dass der Bus dort zum Aussteigen kurz halten und wenden kann. Zum Parken kann er nach Wanfried zurückfahren, wo er beim Sportplatz am Werra-Ufer einen schattigen Standplatz findet. Per Handy benachrichtigt, kann er am Ende der Wanderung wieder zur Hofgut-Einmündung kommen.
 
5.10 Wanfried, NSG Plesse und Konstein, Premium-Wanderweg P5
Nach dem Aussteigen durchquerten wir das Rittergut Kalkhof, dessen großes Hofgelände öffentlich zugänglich ist, weil die Eigentümerfamilie von Scharfenberg in einigen Gebäuden Ferienwohnungen vermietet. Der Hof bekam historische Bedeutung, als dort am 17. September 1945 amerikanische und russische Generäle über eine Korrektur der Zonengrenze verhandelten und das scherzhaft so genannte Whisky-Wodka-Abkommen schlossen. Der Gebietstausch hatte für 5 Dörfer die Folge, das sie der sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen wurden, während 2 größere das Glück hatten, zur amerikanischen Zone zu kommen.
Hinter dem Hofgut teilte sich unsere Gruppe. Die Mehrheit nahm den 9 km langen Rundweg im Uhrzeigersinn in Angriff und ging zunächst in Richtung Grillplatz. Teilnehmer mit Gehbeschwerden bildeten eine kleinere Gruppe, die entgegen dem Uhrzeigersinn im Bachtal „Elfengrund“ aufwärts wanderte und bei leichter Steigung so weit dem Premiumweg folgen wollte, wie es eben ging. Wie wir am Schluss der Wanderung erfuhren, schaffte sie es bis weit in den Konstein-Hang hinein, so dass ihr nur wenige botanische Besonderheiten entgingen.
Die Wanderstrecke bis zum Parkplatz „Grillplatz“ führt wie gesagt durch Ackerland und teilweise entlang von Feldgehölzen. Der Grillplatz ist ein herrlicher Rastplatz, da es dort schon einen weiten Blick ins Land und eine kräftige Quelle mit Trinkwasser gibt. Kurz oberhalb führt der Weg in wiederum artenreichen Wald mit Rotbuche, Berg-Ulme, Sommer-Linde, Hainbuche, Mehlbeere usw. hinein. Dort geht es Schlag auf Schlag mit floristischen Besonderheiten los. Sie seien nicht alphabetisch aufgeführt, sondern ungefähr in der Reihenfolge, wie wir sie zu sehen bekamen: Viola mirabilis, Actaea spicata, Asarum europaeum, Veronica montana (nur bei der Vorexkursion), Sanicula europaea, Platanthera chlorantha, Phyteuma spicatum, Cardamine bulbifera, Ophrys insectifera, Lathyrus vernus, Taxus baccata (autochthon), Hypericum hirsutum, Hypericum montanum, Dactylis polygama, Atropa bella-donna, Daphne mezereum, Centaurea montana, Laserpitium latifolium, Lilium martagon und Sesleria albicans. Nicht entdecken konnten wir Corallorrhiza trifida, die dort ebenfalls nachgewiesen ist.
Bevor man den Oberhang erreicht, nähert sich der Pfad von der Seite her der 50 m hohen, senkrechten Plesse-Felswand. Sie entstand bei einem Bergsturz am 24. Januar 1640. Er erzeugte eine Druckwelle, durch die „im städtischen Hochzeitshaus, in welchem Klaus Fischer seinen Ehrentag beging, die Tassen ein Ellen hoch gesprungen sind“. Es gibt viele ältere und jüngere Bergstürze am Rand der Muschelkalkplateaus nahe dem Werratal, da der Kalk sehr klüftig und bröckelig ist. Unter ihm lagert eine relativ weiche Schicht des obersten Buntsandsteins (Röt), die, falls sie mit Wasser getränkt ist, ihre Festigkeit verliert und leicht ausgewaschen und weggeschwemmt werden kann. Das geschieht vor allem nahe der Hangkante, wodurch der Muschelkalk gleichsam unterminiert und seines Fundamentes beraubt wird.
Wenig unterhalb der Plateaukante werden Centaurea montana und Sesleria albicans häufiger, und an lichten Stellen kommt Cotoneaster integerrimus hinzu.
Hat man die Plateauhöhe erreicht, sieht man im Wald, so weit das Auge reicht, Massen von Allium ursinum und sehr reiche, ausgedehnte Bestände von Aconitum lycoctonum. Es gesellen sich Arten hinzu, die humose Waldöden bevorzugen: Arum maculatum, Atropa bella-donna, Milium effusum, Polygonatum multiflorum und Ranunculus auricomus.
Kurz vor Erreichen des Plesse-Aussichtsturmes trafen wir auf eine Pflanze, die im Werragebiet die Westgrenze ihrer Verbreitung erreicht: Bupleurum longifolium. Ein schönes Vorkommen von Lithospermum pupurocaeruleum war nahezu vom Giersch überwuchert.
Der Plesseturm bot Gelegenheit, die Aussicht über nahezu das gesamte Exkursionsgebiet zu genießen. Eine längere Rast konnte zum Aufsuchen einiger interessanter Punkte in der nächsten Umgebung benutzt werden. Unmittelbar beim Turm wachsen an Gebüschsäumen Arabis hirsuta cf. (evtl. A. sagittata), Bupleurum longifolium, Carduus defloratus, Lithospermum purpurocaeruleum und Orchis pallens,  Knapp 200 m hinter der Hangkante zieht sich auf dem Plateau der ehemalige Todesstreifen der DDR-Grenze entlang. Heute durchzieht er als „Grünes Band“ das Land, verbuscht aber streckenweise schon. Wir fanden dort u.a. Ajuga genevensis, Aquilegia vulgaris, Bupleurum longifolium, Polygala vulgaris und Tanacetum corymbosum.   
Zu einem Höhepunkt der Exkursion wurde ein in kleinen Gruppen unternommener kurzer Gang über einen Pfad, der vom Turm in felsiges Gelände unterhalb der Hangkante führt. Es ist nicht ganz ungefährlich, dort zu gehen, da es stellenweise unterhalb des Pfades nichts zum Halten gibt. Zunächst geht es noch durch Gebüsch, wo ein großes Exemplar des im Werratal endemischen Sorbus acutisecta seine Äste über den Pfad streckt. Er ist aus einer Kreuzung zwischen Elsbeere und Mehlbeere hervorgegangen und pflanzt sich ungeschlechtlich fort. Auf welche Weise die Samen ohne Befruchtung entstehen, ist noch nicht restlos geklärt.
Im offenen Gelände an Felsbänken dann eine Fülle seltener Arten: Allium montanum, Amelanchier ovalis, Anthericum liliago, Arabis sagittata cf., Aster amellus, Carduus defloratus, Carex humilis, Coronilla vaginalis, Cotoneaster integerrimus, Geranium sanguineum, Hippocrepis comosa, Laserpitium latifolium Polygala amarella, Polygonatum odoratum, Sesleria albicans, Tanacetum corymbosum, Thalictrum minus subsp. saxatilis.
Wohl abgelenkt durch die Fülle der bunten Felsvegetation, vergaß ich, auf den noch nicht blühenden Allium montanum hinzuweisen, und leider auch auf die sehr seltene Viola collina, die an einigen Stellen in der Fortsetzung des Weges wächst, wo er wieder in Gebüsch hineinführt. Wir hätten sie ebenfalls nur im nicht blühenden Zustand angetroffen. Sie sieht habituell Viola hirta ähnlich, ist aber vegetativ sicher anhand folgender Besonderheit bestimmbar: Ihre Nebenblätter haben lange Fransen (im Rothmaler-Atlas dargestellt), die zudem etwas federig verzweigt sind (im Rothmaler-Atlas nicht dargestellt).
Wir folgten nach der Rast wieder dem Weg P 5, der einen „Schlenker“ über den ehemaligen Grenzstreifen macht und dann auf breitem Waldweg langsam bergab durch den bewaldeten Hang des Konsteins führt, wo es an lichten Stellen reiche Vorkommen von Sesleria albicans gibt und immer wieder Bupleurum longifolium, Centaurea montana, Lilium martagon und Taxus baccata zu sehen sind. Das ebenfalls für hier angegebene Lilium bulbiferum sahen wir nicht.
Wir erreichten den Grund des Bachtales mit dem Namen Elfengrund. Dort treten feuchtigkeitsliebende Arten wie Eupatorium cannabinum und Valeriana officinals (V. exaltata) auf. Talabwärts führt der Weg an einem kleinen Wasserfall mit starker Kalksinterbildung vorbei und später an einer durch Pflegemaßnahmen frei gehaltenen Kalk-Magerwiese. Ein Quellhorizont mit Juncus inflexus zeigt wohl die Grenze zwischen Muschelkalk und dem darunter liegenden obersten Buntsandtein (Röt) an. Weiter talabwärts erreicht man den Ausgangspunkt der Wanderung beim Kalkhof.
 
Kurz nach 16 Uhr waren beide Wandergruppen wieder dort angekommen, der Bus wurde geordert, und bald ging es weiter Richtung Treffurt. Dort stand eine Besichtigung des sehenswerten Stadtkerns mit zahlreichen malerischen Fachwerkhäusern (darunter auch das Rathaus) sowie der architektonisch bedeutsamen Bonifatiuskirche auf dem Programm.
Nach der Rückkehr zum Hotel und dem Abendessen ließen einige Unentwegte es sich nicht nehmen, ein nur 15 Minuten von Dohrenbach entferntes Naturschutzgebiet aufzusuchen, auf das uns die Wirtin hingewiesen hatte.
 
5.11 NSG Wacholderheide zwischen Dohrenbach und Roßbach
Die an einem Hang gelegene Wacholderheide beeindruckt durch reiche Vorkommen von Orchis tridentata und Ophrys insectifera. Weiterhin fand Hans Faus Inula salicina.
 
6. Rückblick
Vom Anfang bis zum Ende war die Exkursion durch herrliches Wetter begünstigt. Auch die botanische Ausbeute war sehr reich. Man hätte sich an etlichen Stellen aber gerne länger aufgehalten. Wenn ich nochmals eine Exkursion dorthin zu organisieren hätte, würde ich sie entweder um mindestens zwei Tage verlängern oder zwei Exkursionen daraus machen. Eine davon sollte sich auf den Naturpark Hoher-Meißner-Kaufunger Wald beschränken. Man könnte dann weitere Ziele auf dem Hohen Meißner aufsuchen, z. B. Moore und ein geologisches Naturdenkmal mit Basaltsäulen. Die Kripp- und Hielöcher mit ihrer geradezu märchenhaften Landschaft verlocken zu längerem Umherwandern, und beim nahegelegenen Weißenbach lohnt sich ein Besuch des NSG Bühlchen mit seinen Frauenschuhvorkommen. Auch das NSG zwischen Dohrenbach und Roßbach ist sicher mehr als eine Stippvisite wert.
Ebenso lässt sich im Exkursionsgebiet Hainich-Werratal einiges vertiefen. Die Wälder des Hainichs, die jetzt noch eher wie ein gepflegter Forst wirken, werden im Laufe der Zeit mehr und mehr urwaldartigen Charakter annehmen, so dass es sich lohnen wird, einen ganzen Tag dort zu verbringen. Für den Punkt 5.1 sollte man sich unbedingt mehr Zeit nehmen und nicht wie wir nur 200 m in das Gelände hineinwandern. Interessant wäre es sich auch, Niederdorla mit dem geographischen Mittelpunkt Deutschlands einbeziehen und dort nicht nur diesen, sondern auch das fast daneben liegende Freilichtmuseum „Opfermoor Vogtei“ besuchen, wo aus Anlass von Grabungsfunden ein germanisches Dorf rekonstruiert wurde.
Im Werratal gibt es etliche weitere große Naturschutzgebiete oder Naturlehrpfade (Dieteröder Klippen im Eichsfeld, Gobert und Hörne nördlich Eschwege, Graburg und Heldrastein südwestlich Treffurt usw.). Vor allem empfiehlt sich sich eine Ausweitung der im Abschnitt 5.5 beschriebenen Wanderung auf das NSG Ebenauer Köpfe, das ohne Zwischenraum an das NSG Wisch anschließt. In Treffurt sollte man beim Stadtbummel nicht die Stadtmauer mit ihrem Vorkommen von Erysimum crepidifolium auslassen.
 
Zum optimalen Zeitpunkt der Exkursion ist folgendes zu sagen: Um die größte Blütenfülle zu erleben, war in diesem Jahr die zweite Maihälfte der geeignete Exkursionstermin. Anfang bis Mitte Juni hat dagegen den Vorteil, dass später aufblühende Arten wie Bupleurum longifolium, Carduus defloratus, Cephalanthera rubra und Lilium martagon gut entwickelt sind.
 
Anhang: Liste der im Text erwähnten wissenschaftlichen Pflanzennamen
 
Zusammengestellt von Dr. Hans Reichert, Trier
 
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