Geologische und botanische Besonderheiten im Sauertal bei Ralingen (luxemburgische Grenze)

Die Teufelsschlucht bei Ernzen 

Botanische Mehrtagsexkursion von Samstag, 10. 07.2010 - Sonntag, 11.07.2010
Führung: Dr. Hans Reichert, Trier

Vielzahl naturkundlicher Sehenswürdigkeiten

im Tal der Sauer bei Ralingen

 

Bei hochsommerlicher Hitze fand eine zweitägige Exkursion der POLLICHIA Kreisgruppe Bad Kreuznach unter Leitung von Dr. Hans Reichert (Trier) an der deutsch-luxemburgischen Grenze statt. Die aus dem Raum Bad Kreuznach angereisten Mitglieder übernachteten im Hotel du Commerce am Marktplatz von Echternach und nahmen die Gelegenheit wahr, vor oder nach dem Exkursionsprogramm die gastronomischen Angebote und historischen Sehenswürdigkeiten der luxemburgischen Kleinstadt kennezulernen.

Die große Zahl von Exkursionszielen in der nächsten Umgebung machte es möglich, solche auszuwählen, die trotz hoher Temperaturen und starker Sonneneinstrahlung ohne die damit verbundenen Unannehmlichkeiten oder Gefahren zu erkunden waren.

Am Samstag Vormittag (10. Juli), als die Hitze noch erträglich war, wurden zunächst die ökologisch orientierten Hochwasserschutzmaßnahmen an der Sauer bei Ralingen besichtigt. Durch umfangreiche Ausbaggerungen erweiterte man dort das Flussbett, um Retentionsraum zu schaffen. Die Ufer wurden abgeflacht. Einige Inseln entstanden. Die Sauer erhielt dadurch wieder den Charakter eines naturnahen Flusslaufs. Das ist auch deshalb von großer Bedeutung, weil sie nach der Schiffbarmachung von Mosel und Saar in der Region Trier der einzige Wasserlauf ist, den man von der Größe her als Fluss bezeichnen kann und der zugleich noch die natürliche Gewässerdynamik aufweist. Die Maßnahmen mussten von deutschen und luxemburgischen Behörden gemeinsam konzipiert und durchgeführt werden, da die Sauer in ihrer gesamten Breite Hoheitsgebiet beider Länder - ein sogenanntes Kondominium - ist.

Für die Botaniker sind die neu entstandenen flachen und kiesigen Uferbänke gerade zur Zeit sehr interessant. Da die Baggerarbeiten teils erst in diesem Jahr, teils vor zwei bis drei Jahren geendet haben, kann man alle Stadien der Pioniervegetation beobachten. Neben einheimischen Arten wie Knick-Fuchsschwanz (Alopecurus geniculatus), Acker-Schöterich (Erysimum cheiranthoides), Blaugrünem Schwaden (Glyceria declinata), Gift-Hahnenfuß (Ranunculus sceleratus), Bleicher Sternmiere (Stellaria pallida) und Ufer-Ehrenpreis (Veronica anagallis-aquatica) waren vereinzelt auch Neophyten wie Indisches Springkraut (Impatiens glandulifera) und verwilderte Gartenflüchtlinge wie Koriander (Coriandrum sativum) zu sehen.

Der Blick ins flache Wasser des Flusses machte mit einem geologischen Phänomen bekannt: An unzähligen Stellen steigen Kohlendioxidbläschen auf. Bei Ralingen kreuzen sich mehrere Verwerfungen. In den dadurch entstandenen Spalten gelangt das Gas aus großer Tiefe, möglicherweise aus der Umgebung eines Magma-Herdes, an die Erdoberfläche. Mit den Augen nimmt man die Kohlendioxidquellen (Moffetten) nur dort wahr, wo sie unter Wasser liegen. Es gibt aber in der Umgebung von Ralingen auch zahlreiche Austrittsstellen auf dem Land, und die Gesamtmenge des ausströmenden Kohlendioxids dürfte nicht viel geringer sein als am Laacher See, wo das Phänomen sehr bekannt ist. Auf luxemburgischer Seite wird eine kohlsäurehaltige Mineralquelle kommerziell genutzt. In Ralingen geschah dies vorübergehend auch. Die Exkursion führte an der Brunnenstube der Quelle vorbei, die derzeit ungenutzt und nicht einmal zu besichtigen ist. Angesichts des vorbeiführenden Radweges ist dies schade. Zwei ortsansässige Gast-Teilnehmer der Exkursion werden sich darum bemühen, dass die Quelle für die Nutzung durch Touristen reaktiviert wird.

Anstehende Gesteinsschichten in der Umgebung von Ralingen sind Muschelkalk und Keuper. Nächster Exkursionspunkt war ein Muschelkalk-Aufschluss an der Straße Richtung Godendorf. Zwischen den gleichmäßig gelagerten, leicht nach Südwesten einfallenden Muschelkalk-Schichten sind zwei Schichten mit chaotischer Gesteinsstruktur eingeschaltet, die von den Geologen als Zeugnisse von Seebeben zur Zeit des Muschelkalkmeeres gedeutet werden.

Im Kalkgebiet überrascht es nicht, auf Karsterscheinungen zu treffen. Spektakuläre Formen wie Tropfsteinhöhlen fehlen zwar, doch gibt es auffällige Sinterbildungen. Nahe dem Talausgang des Mühlenbaches bei der Ralinger Mühle konnte in angenehm kühler Umgebung ein Wasserfall besichtigt werden, der über eine ca. 3 m hohe Stufe aus Kalksinter herabstürzt. Die Kalkabsonderung im Bereich des Spritzwassers ist so stark, dass ein vor nicht allzu langer Zeit vor den Fuß des Wasserfalls gefallener Baum schon dick mit Kalk inkrustiert ist.

Es folgte eine Rundwanderung durch das fast durchweg bewaldete Naturschutzgebiet „Ralinger Röder“, das durch ausgedehnte Massenvorkommen des Blauroten Steinsamens und durch das einzige Vorkommen des Immenblattes (Melittis melissophyllum) in Rheinland-Pfalz bekannt ist. Die Wanderung folgte zunächst dem Olker Bach aufwärts. In der engen Schlucht mit teils spektakulären Felsbildungen herrschte wiederum ein angenehm kühles Kleinklima. Neben typischen Schluchtwaldpflanzen wie Hirschzunge (Asplenium scolopendrium) und Dornigem Schildfarn (Polystichum aculeatum) gab es als faunistische Besonderheit die Gestreifte Quelljungfer (Cordulegaster bidentata) zu sehen. Auf diese große und seltene Libelle machte der als Gast teilnehmende Orchideenkenner und Naturphotograph Werner Becker (Hermeskeil) aufmerksam.

Nach steilem Aufstieg, der an einem Bestand von Müllers Stendelwurz (Epipactis muelleri) vorbeiführte, erreichte man einen Bergsporn mit schmalem Plateau, wo auf einer Lichtung seit 1925 ein Vorkommen von Melittis melissophyllum bekannt ist. Dank Pflegemaßnahmen ist der zeitweise auf wenige Exemplare geschrumpfte Bestand des ansehnlichen Lippenblütlers jetzt wieder auf ca. 200 Exemplare angewachsen. Leider waren die Pflanzen zum Exkursionszeitpunkt schon alle verblüht, wie auch der allenthalben anzutreffende Blaurote Steinsame. Dessen Bestände sind jedoch auch nach der Blütezeit durch die niederliegende Sprosse nicht zu übersehen.

Bergab ging es auf einem breiten Waldweg. Bevor man auf diesem den Ausgangspunkt der Rundwanderung erreicht, begleitet ein Quellhorizont mit versumpftem Graben den Weg. Dort wachsen üppige Bestände des Riesen-Schachtelhalms (Equisetum telmateia), dem vereinzelt die Schuppenfrüchtige Gelb-Segge (Carex lepidocarpa) und die Falsche Fuchs-Segge (Carex otrubae) beigemischt sind.

Auf dem Programm des Sonntags (11. Juli) stand zunächst das Naturschutzgebiet „Rechberg bei Olk“, das gegenüber dem Ralinger Röder am Oberhang des Olker Bachtales liegt. Die dortigen Kalk-Magerrasen sind weit über Rheinland-Pfalz hinaus durch das Vorkommen von 20 Orchideenarten bekannt. Leider enthält die Naturschutzverordnung das Verbot, dort Exkursionen durchzuführen. Davon ausgenommen sind lediglich „gemeindliche Exkursionen“, was immer das heißt. Obwohl das Betretungsverbot bekanntermaßen von kaum jemandem beachtet wird, bemühten wir uns, das Gebiet nur vom Rande her zu besichtigen. Dabei war außer dem Orchideenkenner Werner Becker die ortsansässige Naturliebhaberin, Pferdehalterin und freie Journalistin Gisela Ankly eine große Hilfe. Sie versorgte außerdem die Exkursionsteilnehmer mit Getränken und zeigte uns ihre am Rand des Naturschutzgebietes liegende Pferdeweide samt Pferden. Dank extensiver Beweidung gibt es dort reiche Bestände des Acker-Wachtelweizens (Melampyrum arvense) und einer sehr charakteristischen und homogenen Sippe aus der schwierigen Gruppe der Wiesen-Flockenblumen. Ihre Merkmale sind: Blütezeit ab Mitte Juli, also relativ spät; graue Behaarung; hoher Wuchs; schmale Blätter; alle Hüllblätter regelmäßig kammförmig gefranst, mit schmalem Mittelteil, mehr oder weniger nach außen gebogen. Wahrscheinlich handelt es sich um die südwesteuropäische Sippe, die als Centaurea microptilon beschrieben wurde. Sie wächst auch im Naturschutzgebiet reichlich. Daneben wurde das für den Raum Trier typische Sammelsurium schwer bestimmbarer Centaurea-Sippen angetroffen, die in bunter Mischung Merkmale von Centaurea jacea und Centaurea nigra s.l. aufweisen. Die Orchideen waren bis auf spätblühende Arten wie Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopsea) verblüht, ebenso die reichlich vorkommende Weiße Braunelle (Prunella laciniata). In Blüte waren zum Exkursionszeitpunkt u.a. der Knollenkümmel (Bunium bulbocastanum), das Sichel-Hasenohr (Bupleurum falcatum) und das Sonnenröschen (Helianthemum nummularium). Merkwürdig ist, dass wir von diesem in dem überwiegend durch submediterrane Arten geprägten Gebiet die südwestliche Unterart subsp. nummularium nicht fanden, sondern ausschließlich die mehr kontinentale Unterart subsp. obscurum.

Da die Mittagshitze wieder zur Belastung wurde, suchten wir anschließend wieder eine kühle Gegend auf, nämlich die Teufelsschlucht bei Ernzen. Sie liegt am Rande des schon seit Urzeiten besiedelten Ferschweiler Plateaus. Wie die benachbarte „Luxemburger Schweiz“ besteht es aus einer mächtigen Platte aus Sandstein des Unteren Jura (Lias), der über weichen Keuper-Mergeln lagert. Werden die Mergel am Unterhang des Plateaus abgetragen, verliert der Sandstein gleichsam sein Fundament, und es lösen sich schmale Teile des Sandsteinplateaus ab, indem sich tiefe und breite Risse bilden. Die abgetrennten Teile neigen sich talwärts und kippen irgendwann um, wobei sie in gewaltige Blöcke zerbrechen. Hinter der Abbruchstelle bleiben senkrechte Wände von der Höhe mehrstöckiger Häuser zurück. Sie umgeben mit kleineren Unterbrechungen das gesamte Ferschweiler Plateau wie natürliche Festungs-Bastionen.

Die Teufelsschlucht ist eine der Abbruchspalten, in die man in düstere Tiefe hinabsteigt. Es ist dort so kühl und feucht, dass selbst im Sommer die ausgeatmete Luft zu Nebel kondensieren kann. Mit etwas mulmigem Gefühl läuft man unter tonnenschweren Blöcken hindurch, die in den Spalt hineingefallen sind und sich dort wenige Meter über dem Grund verkeilt haben.

Nahe dem Eingang zur Teufelsschlucht befindet sich ein gut ausgestattetes Informationszentrum mit kleinem Museum und Gaststätte, wo man alles über Geologie, Flora, Fauna und Besiedlungsgeschichte der Umgebung erfährt.

Nach Passieren der Teufelsschlucht führte die Wanderung teils am Fuß, teils in Spalten, teils mehr am oberen Rand der Felsen entlang in Richtung der Irreler Wasserfälle. Neben dem immer wieder zu beobachtenden geologischen Phänomen der Wabenverwitterung konnte an einer Stelle das Leuchtmoos bewundert werden, dessen Prothallien nach Art der „Katzenaugen“ an den Straßen-Leitpfosten Licht zurückstrahlen.

Kurz vor Erreichen der Wasserfälle, die eher den Charakter von Stromschnellen haben, suchten wir einen Quellsumpf mit reichen Beständen des Riesen-Schachtelhalms und der Hänge-Segge (Carex pendula) auf. Am Parkplatz bei den Wasserfällen standen einige Autos bereit, die vom Ausgangpunkt der Wanderung hierhin gefahren worden waren; eine altbewährte Methode, wenn keine Rundwanderung möglich ist. Hier endete die erlebnisreiche Exkursion.

 

Dr. Hans Reichert

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