Botanischer Garten der Johannes-Gutenberg-Universität und Naturschutzgebiet Mainzer Sand

 

 

Botanische Exkursion am Samstag, 11.09.2004

Führung: Dr. Ralf Omlor, Mainz, Hans-Jürgen Dechent, Nackenheim

 


 

Berg-Haarstrang (Peucedanum oreoselinum) im NSG "Mainzer Sand"


Botanische Schätze der Landeshauptstadt

Spätsommerexkursion zum Botanischen Garten der Johannes-Gutenberg-Universität und zum Naturschutzgebiet Mainzer Sand

 Bei angenehmem Wetter begrüßte der Leiter des botanischen Gartens, Dr. Ralf Omlor, die Gruppe von ca. 20 Exkursionsteilnehmern. Vor einer Tafel mit Lageplan gab er einen Überblick über die Entstehung des einzigen voll ausgebauten botanischen Gartens in Rheinland-Pfalz. Bereiche, die anfangs nur der wissenschaftlichen Forschung dienten, wurden im letzten Jahrzehnt der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. An alle Bevölkerungsschichten richten sich auch die zahlreichen Führungen mit interessanten botanischen Themen, die das ganze Jahr über angeboten werden.

Da nur der Vormittag für den Besuch vorgesehen war, hatte Dr. Omlor ein Programm zusammengestellt, das kulturgeschichtlich bedeutsamen Pflanzen gewidmet war und zugleich mit sämtlichen Teilen des Gartens bekannt machte.

Man lernte die voll in Blüte stehende Lotosblume kennen, deren Blätter wegen einer ganz besonders strukturierten Wachsschicht so glatt sind, dass selbst schmieriger Schlamm - wie Dr. Omlor demonstierte - sofort herunterrutscht. Man hat die Feinstruktur mit modernsten Mikroskopen erforscht und ahmt sie z. B. in Anstrichen nach, die gegen Sprayer schützen. In einem der Warmhäuser waren Faserpflanzen das Thema: Die Baumwolle als bei weitem wichtigste Faserpflanze, deren umweltbelastender Anbau leider riesige Ökosysteme ruiniert hat, und der Manilahanf, eine Bananenart, aus deren feuchtigkeitsbeständigen Fasern Teebeutel und Teefilter hergestellt werden.

In einem anderen Gewächshaus konnte man die ältesten Samenpflanzen sehen: Cycadeen und die kuriose Welwitschia mirabilis mit ihren bandartigen, am Grunde stetig weiterwachsenden Blättern.

Im Arboretum beeindruckten mächtige Bäume, obwohl die Anlage erst 50 Jahre alt ist. Bei dem milden Mainzer Klima fühlen sich viele Gehölze wohl und wachsen rasch heran. Auch ein gärtnerischer Trick beschleunigte manchmal das Wachstum: das Propfen auf wachstumsfreudige Unterlagen.

Besondere Aufmerksamkeit fanden die Mispel, der Speierling, der Taschentuchbaum (Davidia) aus Ostasien mit seiner interessanten Entdeckungsgeschichte und der Lebensbaum (Thuja plicata). Bei freier Entfaltung legen sich dessen untere Äste auf den Boden, wurzeln dort ein und lassen neue senkrechte Stämme hochwachsen. So wird ein alter Baum von einem dichten Kranz junger Bäume umgeben, und es entsteht ein ganzer Thuja-Hain.

Zum Schluss führte Dr. Omlor zu der „Nachbildung“ des Mainzer Sandes mit seiner Steppenflora. Man erzielte sie dadurch, dass man eine dicke Schicht von Flugsand aus einer Sandgrube auf eine zuvor ausgehobene Fläche aufbrachte und dann teils Samen, teils einzelne Pflanzen aus dem Mainzer Sand einbrachte. Inzwischen hat sich ein fast naturgetreues Stückchen Steppenflora entwickelt. Leider ist das Kleinod durch das Projekt einer Umgehungsstraße innerhalb des Universitätsgeländes bedroht.

Die Exkursionsteilnehmer waren so fasziniert von den botanischen Raritäten der Sandflora, dass sie gerne dem Vorschlag von Hans-Jürgen Dechent folgten, nach der Mittagspause statt des Mainzer Hafengebietes das Naturschutzgebiet Mainzer Sand aufzusuchen. Gesagt getan.

Man hat inzwischen viele Hiobsbotschaften über die Gefährdung des Mainzer Sandes durch Eutrophierung, durch Neophyten usw. gehört und rechnete damit, enttäuscht zu sein. Das war jedoch nicht der Fall. Selbst zu dieser fortgeschrittenen Jahreszeit vermochte das Gebiet unter der bewährten Führung von Hans-Jürgen Dechent die Exkursionsteilnehmer zu faszinieren. Zugegeben: im Vergleich zu früheren Exkursionen sind jetzt weniger offene Dünen zu sehen. Das blaugrüne Schillergras (Koeleria glauca) ist entsprechend zurückgegangen. Doch immer noch ist der floristische Reichtum überwältigend. Hie und da haben sich Pflegemaßnahmen positiv ausgewirkt. Dechents Argument, bei einem so hochrangigen Gebiet habe der neuerdings oft geschmähte „Naturschutz mit der Heckenschere“ seine Berechtigung, überzeugte alle. Folgende Raritäten konnten - größtenteils auch als blühende Exemplare - bewundert werden: Sand-Steinkraut (Alyssum montanum subsp. gmelinii), Sand-Radmelde (Bassia laniflora), Schmalflügeliger Wanzensame (Corispermum leptopterum), Ebensträußiges Gipskraut (Gypsophila fastigiata), Sand-Strohblume (Helichrysum arenarium), Silberscharte (Jurinea cyanoides), Sand-Lotwurz (Onosma arenaria), Sand-Wegerich (Plantago arenaria), Sand-Lieschgras (Phleum arenarium), Salzkraut (Salsola kali), Pfriemengras (Stipa capillata) und Sand-Thymian (Thymus serpyllum). Die größte Besonderheit des Mainzer Sandes ist zweifellos die graublau gefärbte Sand-Quecke (Elytrigia arenosa, Elymus arenosus). Sie kommt nur auf dem Mainzer Sand und sonst nirgends auf der Welt vor. Sie war schon um 1800 dem Gräserforscher Georg Ludwig Koeler als etwas Besonderes aufgefallen. Die zeitweise Vermutung anderer Botaniker, sie sei mit einer an Meeresküsten vorkommenden Quecke identisch, erwies sich als irrig. Es handelt sich um einen der in Mitteleuropa sehr seltenen Fälle von Endemismus, d. h. des Vorkommens einer Pflanze in einem sehr kleinen Verbreitungsgebiet. Man geht wahrscheinlich nicht fehl mit der Annahme, dass die Pflanze im Sandgebiet der nördlichen Oberrheinebene durch Mutationen als neue Art entstanden ist.

 Zusammengestellt von Dr. Hans Reichert

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