Flechten in ihrem Lebensraum (Meisenheim) 

Exkursion am Samstag, 26.04.2003
Führung: Bernhard Bauch, Neu Anspach

 

Flechten auf dem Geländer der neuen Glanbrücke in Meisenheim


An verschiedenen Flechtenstandorten in Meisenheim erläuterte Herr Bauch z.T. mit Hilfe praktischer Versuche einer interessierten Zuhörerschar Besonderheiten des Baus, der Lebensweise und des Lebensraums der Flechten. Eine Zusammenfassung dieser Darlegungen sind in der folgenden Abhandlung enthalten:

 Unlösbare Symbiose

 Die vollkommene Ehe

Die Flechten nehmen im Pflanzen­reich eine besondere Stellung ein, weil sich in ihnen zwei ganz verschiede­ne Partner, nämlich Pilzen und Algen, zu einer dauerhaften Lebensgemein­schaft verbunden haben. Diese Verbindung ist so vollkommen, dass die Flechten äußerlich wie ein einheitlicher Organismus aussehen. Nur mit dem Mikroskop kann man erkennen, wie die Algenzellen im Inneren der Flechte eingelagert und von Pilzfäden umgeben sind.

In dieser Lebensgemeinschaft ha­ben die Algen die Aufgabe, Kohlen­hydrate zu produzieren. Die Pilze sind hierzu nicht in der Lage, sie entneh­men deshalb diese Stoffe aus den Algenzellen. Die "Gegenleistung" des Pilzes besteht darin, den Algenzellen Schutz gegen Witterungseinflüsse zu bieten. Die Pilze bauen also, bildlich gesprochen, für die Algen das Haus. Darüber hinaus stellen die Pilze die Versorgung der Algen mit Wasser und Nährsalzen sicher.

Flechten sind sehr vielgestaltig gebaut. Nach der äußeren Form unterscheidet man Krusten-, Blatt- und Strauchflechten. Dabei erreichen sie eine sehr unterschiedliche Größe. Sie können kleiner als ein Millimeter blei­ben, es gibt aber auch bartförmige Flechten, die über zwei Meter lang werden.

Das Flechtenwachstum ist sehr gering, obgleich es deutliche Unter­schiede zwischen den einzelnen Ar­ten und den verschiedenen Lebensräumen gibt. Der durchschnittliche Zuwachs beträgt nur Bruchteile eines Millimeters bis wenige Zentimeter im Jahr Die Flechten erreichen im Durch­schnitt ein Alter von 30-50 Jahren, in der Arktis gibt es allerdings auch Ar­ten, deren Alter auf bis zu 9000 Jah­ren geschätzt wird. Sie können also viel älter werden als alle anderen Lebewesen unserer Erde.

Flechten nehmen ihre Nährstoffe nicht wie die meisten Pflanzen mit Wurzeln aus der Unterlage (Erde, Stein, Rinde) auf, auf der sie wach­sen. Vielmehr erfolgt die Nährstoffaufnahme oberflächlich durch die Luft, in Verbindung mit Feuchtigkeit (Regen, Nebel). Dadurch sind sie aber auch besonders gefährdet durch die Luftschadstoffe (saurer Regen).

Die Eigenschaft der Flechten, viele Luftschadstoffe aufzunehmen, macht sie als Bioindikatoren für Luft­verschmutzung besonders geeignet. Die Verfahren hierzu wurden standardisiert und in VDI-Richtlinien festgelegt.

Die Feuchtigkeits- und Temperaturansprüche der Flechten sind sehr unterschiedlich, bemerkenswert ist jedoch eine hohe Überlebensfähigkeit der Flechten auch bei langen Trockenperioden und bei sehr großen Temperaturschwankungen.

Die geschilderten Faktoren bestimmen in erster Linie die Standorte der Flechten. Durch ihr langsames Wachs­tum sind sie den meisten anderen Pflanzen im Konkurrenzkampf um den Standort unterlegen, wegen ihrer großen Anpassungsfähigkeit können sie jedoch auf Lebensräume ausweichen, in denen andere Pflanzen keine Chance mehr haben.

Auf Erde finden wir sie deshalb meistens auf sandigen, rasch austrocknenden Böden, aber auch in Gebirgslagen mit sehr rauem Klima und langer Schneebedeckung.

Auf Gestein sind die Flechten oft die einzigen Pflanzen, die den extremen Witterungsbedingungen (starke Temperaturschwankungen, Austrock­nung) standhalten können. Man kann deshalb im Hochgebirge einen überaus reichen Flechtenbewuchs auf den Steinen beobachten, oft wachsen sogar verschiedene Flechten überein­ander.

In unserer Region sind die auf Rinde wachsenden Flechten sicherlich am auffälligsten. Aber auch hier ist der Flechtenbewuchs in diesem Jahrhun­dert deutlich zurückgegangen. Man sollte auch nicht allzu optimistisch darüber sein, dass in den letzten Jahren einige Flechten in unsere Städte zurückgekehrt sind. Hierbei handelt es sich nämlich durchweg nur um recht wenige, besonders anpassungsfähi­ge und häufige Arten.

Auch bei der Vermehrung sind die Flechten in einer schwierigeren Lage als andere Pflanzen, denn beide Partner (Pilze und Algen) müssen sich ja jeder für sich vermehren und wieder zusammenfinden. Hier haben viele Flechtenarten einen Weg gefunden, der sie von der sexuellen Vermehrung unabhängig macht. Sie haben besondere Organe ausgebildet, über die sie sich vegetativ besonders gut vermeh­ren können.

Die Nutzung der Flechten durch den Menschen ist heute (und sie war es auch in der Vergangenheit) verhältnis­mäßig gering, wenn man dies mit der Nutzung der Blütenpflanzen vergleicht. Es werden nur wenige Flechten als Heilmittel, als Nahrungs- und Genussmittel, als Farbstofflieferant und als Hilfsmittel in der Parfümindustrie eingesetzt. Auch einige Tiere ernähren sich ganz oder zu einem erheblichen Teil von Flechten, zum Beispiel die Rentiere.

Bernhard Bauch, Neu-Anspach

Zusammengestellt von Günter Wrusch

 Dieser Artikel ist erschienen in Klär Werk, Umweltzeitung für Rhein-Main und Wetterau, Mai/Juni 1999, Nr. 37