Die Pflanzenwelt des Chiemgaus

Der Weitsee im NSG "Weitsee - Mittersee - Lödensee" bei Reit im Winkl 

Botanische Mehrtagsexkursion  von Sonntag, 01.07.2012 bis Freitag 05 (06).07.2012
Führung: Dr. Hans Reichert, Trier und Otto Schmidt, Kaiserslautern

Der Chiemgau – nicht nur botanisch verlockend

Der botanische Arbeitskreis in der POLLICHIA-Kreisgruppe Bad Kreuznach hatte bisher in der langen Reihe seiner mehrtägigen Sommerexkursionen nur ein einziges Mal die Alpen besucht, und zwar im Jahr 1987 den Bregenzer Wald. So war der Wunsch laut geworden, nach 25 Jahren erneut die Alpen anzusteuern; diesmal den viel weiter östlich gelegenen Chiemgau.

Leider ohne den kurz zuvor verstorbenen Dr. Manfred Wander, einem von Allen geschätzten langjährigen Exkursionsteilnehmer, startete die Fahrt mit dem bewährten Busunternehmen Molter. Es setzte Nieselregen ein, und ausgerechnet in dieser Situation streikte der Scheibenwischer. Der Fahrer konnte jedoch bei einem Zwischenhalt die Störung nach telefonischer Rücksprache mit dem Firmenchef beheben, und die gesamte weitere Exkursion verlief ohne jede Panne und bei überwiegend trockenem und oft sogar sonnigem Wetter.

Nach siebenstündiger Fahrt kamen wir im stattlichen Landhotel Weßnerhof am Rande von Marquartstein am Fuß der Chiemgauer Alpen an. Dort wurden wir, das sei schon vorausgeschickt, in gastronomischer Hinsicht hervorragend umsorgt. Nicht nur, dass das Essen von bester Qualität war. Die Eigentümerfamilie hielt persönlichen Kontakt zu uns, und eine junge Dame vom Personal zeigte lebhaftes Interesse an unseren abendlichen Pflanzenbestimmungen.

Noch am Ankunftstag blieb Zeit für eine kurze Exkursion zu einem Buchenwald auf Kalkboden am Fuß eines Höhenrückens bei Mettenham. Dort stießen wir sofort auf ungewohnte Arten wie den Nesselblättrigen Ehrenpreis (Veronica urticifolia) und den Stinkkohl (Aposeris foetida) mit seinen unverkennbaren Blattrosetten. Einsetzende Dämmerung zwang uns bald zur Rückkehr. Wie auch im weiteren Verlauf des Berichtes sollen für jede Fundstelle nur wenige, charakteristische oder auffällige Arten genannt werden, da die ungefähr 600 Arten, die wir im Verlauf der Exkursion notierten, in Listen dokumentiert und ebenfalls im Internet zugänglich sind..

Am zweiten Tag führte die Fahrt nach Prien, dem größten Ort am Ufer des Chiemsees. Bei Sonnenschein brachte uns ein Passagierschiff zur Insel Herrenchiemsee. Ein Rundgang entlang dem Nordostufer führte durch sumpfigen Wald mit Schlangen-Lauch (Allium scorodoprasum) und Buntem Hohlzahn (Galeopsis speciosa). Ein kräftiger Knollenblätterpilz mit weißer, fransig-schuppiger Hutbekleidung erwies sich als der nur in Süddeutschland häufigere Fransige Wulstling (Amanita strobiliformis). Über eine Sichtschneise gelangten wir zum prächtigen Schloss Herrenchiemsee, wo einige Teilnehmer eine Fledermaus-Ausstellung besuchten. Auf dem Weg zum alten Schloss mit der ehemaligen Klosteranlage sahen wir eine Reihe exotischer Parkbäume.

 

Schloss Herrenchiemsee

Wasseruntersuchung auf dem Chiemsee

Nach der Rückfahrt mit dem Schiff um die Mittagszeit brachte uns der Bus nach Übersee am südöstlichen Ufer des Sees, wo die Mehrheit der Exkursionsteilnehmer ein Boot bestieg, das zu einer mehrstündigen gewässerkundlichen Lehrfahrt unter Leitung eines Biologen auf den See hinausfuhr. Das Boot war mit Keschern, Beobachtungs- und Experimentiergeräten ausgestattet. Die Teilnehmer konnten so aktiv einige ökologische Zusammenhänge erkunden. Da das Boot nicht die gesamte Gruppe fasste, ließ sich eine Minderheit nach Hirschau, fast schon am Ostufer, bringen. Dort wanderte man auf dem Zufahrtsweg zum Ausflugslokal Hirschauer Bucht durch nasse Mähwiesen mit einer atemberaubenden Fülle seltener Arten wie Inn-Segge (Carex randalpina), Wenigblütige Sumpfbinse (Eleocharis quinqueflora), Sumpf-Knabenkraut (Orchis palustris), Sumpf-Läusekraut (Pedicularis palustris) und Sumpf-Dreizack (Triglochin palustre). Der Weg führt schließlich zu einem Vogel-Beobachtungsstand, wo mit Hilfe fest installierter Fernrohre eine Reihe von Wasservogel-Arten betrachtet werden konnte.

War dieser Tag dem lieblichen Voralpenland um den Chiemsee mit seinen sanft geformten Moränenhügeln gewidmet, sollte es am nächsten Tag in alpine Höhen hinaufgehen, und zwar zur Kampenwand bei Aschau. Mit rund 1500 Metern Höhe gehört sie eher noch zu den bescheideneren Voralpenbergen, weist aber in kühlen Karen und Nischen durchaus hochalpine Pflanzen auf.

Der Bus brachte uns zur Talstation der Kampenwand-Seilbahn. Die Kabinenbahn stieß schon nach wenigen 100 Metern Aufwärtsfahrt in dichten Nebel hinein. Die Hoffnung, sie werde ganz ober wieder aus ihm heraus in sonnige Regionen auftauchen erfüllte sich nicht. Der Nebel war allerdings nicht so dicht, dass er das Botanisieren unmöglich gemacht hätte.

Hier konnte erstmals der Vorteil genutzt werden, dass in Petra Behrens, Dr. Hans Reichert, Otto Schmidt und Wolfgang Steigner vier Führer zur Verfügung standen, die sich im Rahmen einer Vorexkursion unter Beteiligung der heimischen Botaniker Dr. Wolfgang Lippert, Christian Niederbichler und Stefan Kattari mit der Flora des Exkursionsgebietes vertraut gemacht hatten. So konnten jetzt zwei Gruppen gebildet werden.

Die erste, geführt von Otto Schmidt und Wolfgang Steigner, wanderte auf holprigen Pfaden in das Kar südlich der Bergstation hinein und fand unter anderem den Kalk-Glocken-Enzian (Gentiana clusii), die Blaue Heckenkirsche (Lonicera caerulea), den Lanzen-Schildfarn (Polystichum lonchtis) und die Zwergmispel-Eberesche (Sorbus chamaemespilus).

Die zweite Gruppe begab sich unter Leitung von Hans Reichert und Petra Behrens auf den breiten Weg, der von der Sonnenalm zur Steinlingalm führt. Dort gab es zwei sehr seltene Pflanzenarten zu sehen, die mehr in den Ostalpen verbreitet sind und hier ihre westlichsten Vorkommen haben: den Milchweißen Mannsschild (Androsace lactea) und das weiß blühende Tauern-Fingerkraut (Potentilla clusiana). Die meisten charakteristischen Alpenpflanzen, wie z. B. die hübsche Alpen-Bergminze (Acinos alpinus), die Herzblättrige Kugelblume (Globularia cordifolia), das Kopfige Läusekraut (Pedicularis rostrato-capitata), das Alpen-Rispengras (Poa alpina) und die prächtige Kugelorchis (Traunsteinera globosa) wurden auch auf beiden Alternativrouten gefunden.

Da die Seilbahn nicht bis spät am Nachmittag in Betrieb war, kehrten wir relativ früh nach Marquartstein zurück, und es blieb Zeit für eine nicht geplante Kurz-Exkursion. Unter weniger Zeitdruck war nochmals Mettenham das Ziel, um das dortige, völlig intakte Hochmoor „Mettenhamer Filz“ zu besuchen. Vorbei an Nasswiesen und durch einen feuchten Waldstreifen erreichten wir den Rand der offenen Moorfläche, wo es einen weiten Blick über die locker mit Bergkiefern bewachsene, leicht gewölbte Moorfläche gab. Gleich am Rande war fast die gesamte Artengarnitur seltener Moorpflanzen zu sehen: Rundblättriger Sonnentau (Drosera rotundifolia) neben dem viel selteneren Mittleren Sonnentau (Drosera intermedia), Rosmarinheide (Andromeda polifolia), Scheidiges Wollgras (Eriophorum vaginatum), alle vier in Mooren vorkommenden Heidelbeer-Verwandten (Vaccinium myrtillus, V. oxycoccos, V. uliginosum, V. vitis-ideae) und vieles mehr.
Nochmals wurde auch der schon am ersten Tag aufgesuchte, benachbarte Waldhang in Augenschein genommen, vor allem um das seltene Kleeblatt-Schaumkraut (Cardamine trifolia) kennenzulernen.
 

 

 

 

 

 

 

Kugelorchis (Traunsteinera globosa) südlich der Bergstation der Kampenwand Seilbahn

Mittlerer Sonnentau (Drosera intermedia) im Mettenhamer Filz

Am vierten Exkursionstag stand die Gegend zwischen Reit im Winkl und Ruhpolding auf dem Programm. Dort erstreckt sich ein langgezogenes ehemaliges Gletschertal mit streckenweise breiter Talsohle, wo durch abgelagertes Geröll eine Kette von flachen Seen aufgestaut ist. Im Winter gibt es dort ungewöhnlich viel Schneefall. Die lange liegen bleibende, hohe Schneedecke schützt Pflanzen vor Spätfrösten. So kommt es , dass dort in einer Höhenlage von etwa 750 Metern Pflanzenarten vorkommen, die an sich für Stromtäler charakteristisch sind, wie z. B. die Sibirische Schwertlilie (Iris sibirica). Beim kurzen Halt am Weitsee, in welchem prächtige Döbel schwammen, sahen wir die Schwertlilie nur im verblühten Zustand.  

Döbel (Leuciscus cephalus) im Weitsee bei Reit im Winkl

Laserkraut (Laserpitium siler) im Bereich der Lödenalm

Die Gruppe teilte sich danach wieder. Eine Hälfte fuhr direkt weiter zur Lödenalm, einem durch Beweidung aufgelichteten Wald mit einer angrenzenden großen Geröllhalde. Die zweite Hälfte wanderte zu Fuß dorthin, und zwar auf einer ehemaligen Bahntrasse entlang dem Nordufer des Mittersees und des Lödensees. Außer dem Breitblättrigen Pfaffenhütchen (Euonymus latifolius) wurde dort aber nichts gefunden, was nicht auch auf der botanisch äußerst reichen Lödenalm wächst. In relativ niedriger Lage findet man dort wegen lange liegen bleibender Schneereste auch hochalpine Arten. Am Rande eines noch vorhandenen Schneefeldes blühten jetzt im Juli noch Buschwindröschen und Leberblümchen. Auf der Lödenalm gab es drei Enzian-Arten, die Duft-Händelwurz (Gymnadenia odoratissima), reichlich die Binsenlilie (Todfieldia calyculata) und vieles mehr. Dem scharfen Auge von Otto Schmidt entging nicht eine Unterart des Flaumhafers mit unbehaarten Blattscheiden (Helictotrichon pubescens subsp. laevigatum), einer nur in den Alpen vorkommenden Sippe.

Eine Fülle seltener Arten bot sich auch denjenigen, die sich die Mühe machten, in die angrenzende Geröllhalde hineinzuklettern. In Massen wuchs dort das Berg-Laserkraut (Laserpitium siler), weiterhin der in den deutschen Alpen nur an wenigen Stellen vorkommende zerteilte Streifenfarn (Asplenium fissum), die Alpen-Gänsekresse (Hutchinsia alpina), das Felsen-Kugelschötchen (Kernera saxatilis) und vieles mehr.

 In kurzer Fahrt ging es dann weiter auf Ruhpoldung zu bis zum Wanderparkplatz Laubau. Von dort aus wanderten wir ins Fischbachtal, und in diesem abwärts bis zur Mündung in die Traun und an dieser entlang bis zur Talstation der Rauschberg-Seilbahn. Unterwegs stieß Christian Niederbichler zu uns und gab uns weitere wertvolle Hinweise auf seltene Arten am Wegrand, z.B. das Quellriet (Blysmus compressus) und die Felsen-Zwenke (Brachypodium rupestre), die wir sicher übersehen hätten. Eine andere Rarität entdeckten wir selber: Schultes‘ Habichtskraut (Pilosella schultesii), eine Zwischenart zwischen dem Öhrchen-Habichtsraut (Pilosella lactucella) und dem Mausohr-Habichtskraut (Pilosella officinarum). Besonders beeindruckend waren einige Geröllhalden mit dem schon an der Kampenwand gefundenen Milchweißen Mannsschild (Androsace lactea), dem mit den Leimkräutern (Silene) verwandten Kleinen Strahlensamen (Heliosperma pusillum) und dem Rundblättrigen Wintergrün (Pyrola rotundifolia) neben weiteren bemerkenswerten Arten.

Am folgenden Tag traten wir, herzlich verabschiedet von den Hotel-Eigentümerinnen, die Rückfahrt an. Bevor wir die wenig entfernte Autobahn erreichten, machten wir am Kendlmühlfilzen Halt, einem großräumigen Moor im verlandeten Bereich des einst viel größeren Chiemsees. Es diente bis in die 70er und 80er Jahre großflächiger Gewinnung von Gartentorf. In jahrzehntelangen Auseinandersetzungen erreichte eine Bürgerinitiative den Stop der Torfgewinnung, so dass eine immer noch ansehnliche Fläche unter Naturschutz gestellt und in Kombination mit einem Museum durch einen Wanderweg für Touristen entschlossen werden konnte.

Wir folgten dem Rundweg und sahen nochmals fast alle charakteristischen Hochmoor-Arten. Anscheinend hat man als Unterbau des Pfades kalkhaltiges Material verwendet, denn es fiel auf, dass sich an dessen Rand basenliebende Arten wie Rotes Waldvöglein (Cephalanthera rubra) Braunrote Stendelwurz (Epipactis atrorubens) und Breitblättriges Wollgras (Eriophorum latifolium) angesiedelt haben.

Die Rückfahrt verlief störungsfrei. Allerdings zog, nachdem wir Bad Kreuznach erreicht hatten, eine Gewitterfront herauf, welche die Anschlussfahrten der Auto- und Bahnfahrer teils unangenehm, teils regelrecht abenteuerlich machte. Dr. Reichert musste den Gewittersturm auf dem im Umbau befindlichen und nahezu ungeschützten Bahnsteig in Bad Kreuznach über sich ergehen lassen, da die fast einstündige Verspätung des Zuges nicht angesagt wurde, und kam wegen weiterer wetterbedingter Verspätungen erst um Mitternacht in Trier an.

Vor diesem Hintergrund wird nochmals deutlich, wie sehr unsere Exkursion trotz des Nebels an der Kampenwand vom Wetter begünstigt war.

Zusammengestellt von Dr. Hans Reichert, Trier

Chiemgau – Report  2012
Zusammengestellt von Dr. Hans Reichert, Otto Schmidt, Wolfgang Steigner